In der sich rasant entwickelnden Welt des Projektmanagements haben Methoden wie Agile und Wasserfall lange Zeit die Diskussion bestimmt. Doch die Integration der Verhaltenswissenschaften in Praktiken des Projektmanagements eröffnet ein neues Feld, das effektivere und menschenzentrierte Methoden verspricht.
Galen Low spricht mit Dr. Josh Ramirez—CEO des Institute for Neuro & Behavioral Project Management—über die Rolle der Verhaltenswissenschaft im Projektmanagement, wie sie unsere bewährten Projektmethoden beeinflusst und warum sie ein wichtiger Bestandteil der Zukunft des Projektmanagements werden könnte.
Interview-Highlights
- Die Entstehungsgeschichte des Behavioral Project Management [01:04]
- Joshs Hintergrund und Übergang:
- Begann im Projektmanagement, hauptsächlich bei Großprojekten des Energieministeriums mit Fokus auf Projektsteuerung (Kosten und Zeitplanung).
- Stellte Diskrepanzen zwischen Planung und Durchführung fest und begann sich zu fragen, ob es sich um ein Verhaltensproblem handelt.
- Untersuchte kognitive Verzerrungen und deren Einfluss auf das Projektmanagement und stellte einen Zusammenhang fest.
- Studierte an der Chicago School of Professional Psychology mit Schwerpunkt auf der Integration von Verhaltenswissenschaften und Projektmanagement in seiner Dissertation.
- Entdeckung des Behavioral Project Management:
- Erkannte beim Fliegen das Fehlen eines Fachgebiets, das Verhaltenswissenschaften und Projektmanagement vereint.
- Gründete das Institute for Neuro & Behavioral Project Management.
- Entwickelte einen Zertifizierungskurs namens NeuralPlan.
- Wurde angetrieben vom Wunsch, die Lücke zwischen Verhaltenswissenschaften und Projektmanagement zu schließen.
- Joshs Hintergrund und Übergang:
- Verständnis von Behavioral Project Management [05:07]
- Behavioral Project Management ist eine aufkommende Disziplin.
- Beispiele für die Anwendung sind eine Pilotstudie beim Energieministerium, die zu einer 80%igen Verbesserung der Planungssicherheit und der Einhaltung von Meilensteinen führte.
- Traditionelles Projektmanagement folgt Phasen wie Initiierung, Planung, Ausführung, Überwachung, Steuerung und Abschluss, doch Behavioral Project Management betrachtet das Design um das Gehirn herum.
- Vier Hauptmodalitäten des Behavioral Project Managements sind Prozesse, Schnittstellen (wie Software), Kennzahlen und Fähigkeiten.
- Verhaltenswissenschaft umfasst mehr als nur emotionale Intelligenz und gute Kommunikation; sie beinhaltet das Design von Prozessen, Schnittstellen, Kennzahlen und Fähigkeiten, angepasst an menschliches Verhalten und Denkfehler.
- Beispiele sind die Änderung von Kennzahlen, das Hinzufügen von Schritten zu Verfahren basierend auf Erkenntnissen der Verhaltenswissenschaft sowie der Einsatz von Techniken wie Nudging und Wahlarchitektur.
- Integration von Verhaltenswissenschaften in Projektmethoden [07:30]
- Behavioral PM soll Methoden wie Wasserfall oder Agile nicht ersetzen, sondern Verhaltenswissenschaft in jede Methodik integrieren.
- Es fügt dem Projektmanagementprozess eine weitere Ebene hinzu, indem es darauf abzielt, auszuarbeiten, wie Prozesse ablaufen, wie Software-Schnittstellen gestaltet sind und wie menschliches Verhalten eingebunden wird.
- Behavioral PM wird zur Grundlage, auf der andere technische Disziplinen aufbauen können, und erkennt die Bedeutung des menschlichen Verhaltens in allen Methoden an.
- Behavioral Economics dient als Beispiel: Als Verhaltenswissenschaften in die Wirtschaftswissenschaften integriert wurden, wurden traditionelle Theorien in Frage gestellt und einige Komplexitäten vereinfacht.
- Das Ziel der Verhaltenswissenschaft im Projektmanagement ist die Vereinfachung von Prozessen, sodass das Gehirn besser verarbeiten und Entscheidungen treffen kann.
Behavioral PM wird Wasserfall oder Agile nicht ersetzen. Stattdessen möchte es Verhaltenswissenschaften in jede Methodik integrieren.
Dr. Josh Ramirez
- Die Rolle von Organisationen im Behavioral Project Management [10:03]
- Die Verantwortung für die Integration der Verhaltenswissenschaft in das Projektmanagement geht über die Projektmanager hinaus.
- Veränderungen treten wahrscheinlich zunächst im Project Management Office (PMO) oder in einem “Behavioral PMO” auf.
- Organisationen spielen eine bedeutende Rolle bei der Gestaltung des kognitiven Umfelds für Projekte, häufig außerhalb der direkten Kontrolle der Projektmanager.
- Zeitdruck ist ein wesentlicher Faktor, der die Entscheidungsfindung beeinflusst und oft dazu führt, dass auf heuristisches Denken und kognitive Verzerrungen zurückgegriffen wird.
- Projektmanagement, als ein zeitlich begrenztes Unterfangen, erzeugt von Natur aus Zeitdruck, was das Risiko von Fehlern und Verzögerungen erhöhen kann.
- Organisationen können dieses Risiko mindern, indem sie Faktoren wie Zeitdruck und kognitive Belastung steuern. Das zeigt, dass die Verantwortung für Behavioral Project Management nicht allein bei den Projektmanagern liegt.
- Praktische Anwendungen und Vorteile des Behavioral Project Management [12:39]
- Zeitdruck wirkt sich unterschiedlich aus, je nach seinem Ausmaß und dem Zeitpunkt, zu dem er auftritt.
- Extremer Zeitdruck kann dazu führen, dass noch mehr auf Standarddenken und Abkürzungen wie Heuristiken und Verzerrungen zurückgegriffen wird.
- Vorhersagende Aufgaben wie das Erstellen von Plänen, das Identifizieren von Risiken und das Abschätzen von Ressourcen sind besonders sensibel gegenüber Zeitdruck.
- Die Senkung des Zeitdrucks bei vorhersagenden Aufgaben kann helfen, die mit Standarddenken verbundenen Risiken zu mindern und die Genauigkeit der Entscheidungsfindung zu verbessern.
- Aufgaben wie Überwachung, Steuerung und Berichtsgenerierung vertragen aufgrund ihres weniger vorhersagenden Charakters etwas höheren Zeitdruck.
- Projektmanager stehen oft vor Herausforderungen in Projekten mit technischer Komplexität oder Unklarheiten.
- Das Gleichgewicht zwischen Zeitdruck und der Notwendigkeit gründlicher Problemlösung ist entscheidend, besonders in Projekten, bei denen Lösungsansätze erstmals erprobt werden.
- Kognitive Verzerrungen wie der Glaube, unter Zeitdruck besser denken zu können, oder dass Koffein die kognitive Belastung reduziert, können die Entscheidungsfindung beeinträchtigen.
- Die Rolle der Projektmanager hat sich weiterentwickelt: Sie liefern nicht mehr nur Projekte termingerecht ab, sondern schaffen auch Mehrwert und fördern Umgebungen für bessere Lösungen.
- Die Verhaltenswissenschaft kann Aufschluss über vorhersehbare und vermeidbare Terminverzögerungen geben, die oft durch Fehleinschätzungen und mangelnde Koordination entstehen.
- Planung beinhaltet vorhersagende Koordination, die auf der Fähigkeit des Gehirns beruht, sich zukünftige Szenarien vorzustellen. Das macht sie anfällig für kognitive Schwächen und Verzerrungen.
Planung ist im Wesentlichen eine Übung der Vorstellungskraft. Daher führen Schwächen im Gehirn auch zu Schwächen in der Vorhersage, was zu Verschwendung, Kostenüberschreitungen, Terminverzögerungen und erhöhtem Risiko führt.
Dr. Josh Ramirez
- Verhaltenswissenschaftliche Techniken im Projektmanagement anwenden [19:42]
- Das Identifizieren von Hindernissen, bevor Ressourcen oder Zeit geschätzt werden, erhöht die Zuverlässigkeit von Projektplänen, da es die Berücksichtigung potenzieller Herausforderungen erzwingt.
- Das Erkennen von Hindernissen vor Beginn einer Aufgabe ist entscheidend, um sie effektiv im Voraus anzugehen.
- Die Verhaltenswissenschaft bietet subtile, aber effektive Strategien wie Hinderniserkennung und Nudging (Wahlarchitektur).
- Durch die Integration verschiedener verhaltensorientierter Strategien im Projektmanagement verbessert sich die Entscheidungsfindung, was zu besseren Ergebnissen führt.
- Hinderniserkennung vs. Risikomanagement: Eine verhaltensorientierte Perspektive [22:53]
- Hinderniserkennung ist vergleichbar mit einer Umdeutung des Risikomanagements, indem der Fokus auf Herausforderungen gelegt wird, die sicher eintreten, statt auf potenzielle Risiken.
- Risiken werden vom Gehirn als Unsicherheiten betrachtet, die vielleicht eintreten und vielleicht nicht, was dazu führt, dass ihre Bedeutung zur Verringerung mentaler Belastung eher heruntergespielt wird.
- Das Identifizieren von Hindernissen zwingt das Gehirn, Herausforderungen anzuerkennen und anzugehen, die definitiv auftreten, wodurch die Problemlöse-Mentalität und das Engagement gefördert werden.
- Anders als Risiken, die mental ausgeblendet werden können, fordern Hindernisse Aufmerksamkeit und Handlung, was zu einer Gamification und proaktiven Problemlösung führen kann.
- Hindernisse machen auf die Komplexität und die facettenreiche Natur von Aufgaben aufmerksam und unterstützen das Risikomanagement, indem sie bekannte Herausforderungen von unklaren Unsicherheiten unterscheiden.
- Das Angehen von Hindernissen kann darin bestehen, gezielte Aktivitäten zu entwickeln, um sie zu überwinden und so die Projektplanung und -durchführung zu verbessern.
- Integration von Verhaltenswissenschaft und Projektmanagement-Software [27:20]
- Verhaltenswissenschaft im Projektmanagement bedeutet, Prozesse mit Rücksicht auf die kognitiven Grenzen des Menschen zu gestalten, um Planung, Vorhersagbarkeit und kognitive Dissonanzen zu verbessern bzw. zu reduzieren.
- Traditionell wird Verhaltenswissenschaft oft mit “weichen” Kompetenzen wie emotionaler Intelligenz verbunden, jedoch beinhaltet verhaltensorientiertes Projektmanagement die pragmatische Prozessgestaltung mit menschlicher Kognition im Fokus.
- Der Einstieg ins verhaltensorientierte Projektmanagement kann durch die Sensibilisierung für kognitive Verzerrungen und das Einlesen in die Verhaltenswissenschaft erfolgen. Doch auch ohne umfangreiche Vorkenntnisse kann eine gezielte Prozessgestaltung zu positiven Ergebnissen führen.
- Die Zukunft des Projektmanagements: KI, Verhaltenswissenschaft und Methodologien [35:55]
- Während KI alltägliche Aufgaben übernimmt, müssen sich Projektmanager stärker auf klares Denken und verhaltensorientierte Strategien verlassen.
- Die Integration von KI ins Projektmanagement erfordert ein tieferes Verständnis menschlichen Verhaltens und kognitiver Verzerrungen.
- Josh sagt voraus, dass es zu einem Wandel in Richtung hybriderer Methoden kommen wird, wobei KI und Verhaltenswissenschaft zentrale Rollen einnehmen.
- Er betont, dass Projektmanagement-Software und -Prozesse auf menschliches Denken ausgerichtet sein müssen.
- Letztlich wird sich die Zukunft der Projektmethoden auf menschenzentrierte Ansätze konzentrieren, um Projektergebnisse zu verbessern.
Lernen Sie unseren Gast kennen
Josh Ramirez ist CEO des Institute for Neuro & Behavioral Project Management. Er ist Doktorand und baut eine Organisation auf, die an der Neugestaltung des Projektmanagements mit verhaltens-, sozial-, kognitions- und neurowissenschaftlichem Fokus arbeitet – hin zu einem neuen Feld des Behavioral Project Management. Darüber hinaus forscht er aktuell an der Anwendung von Wissenschaft im Projektmanagement, um eine wissenschaftliche Grundlage für bestehende Praktiken zu schaffen.

Mit dem Einzug der KI rückt die Verhaltenswissenschaft in den Mittelpunkt von allem. Wenn KI alltägliche Aufgaben im Projektmanagement übernehmen kann, liegt es an uns als Entscheidungsträger, klares Denken einzusetzen.
Dr. Josh Ramirez
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- Institut für Neuro- & Verhaltensorientiertes Projektmanagement
- Neural Plan Zertifizierung
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Lesen Sie das Transkript:
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Galen Low: Hallo zusammen, danke fürs Einschalten. Mein Name ist Galen Low von The Digital Project Manager. Wir sind eine Gemeinschaft von Digitalprofis mit der Mission, uns gegenseitig zu stärken, sicherer zu machen und zu vernetzen, damit wir den Wert des Projektmanagements in einer digitalen Welt erhöhen können. Wenn Sie mehr darüber wissen möchten, besuchen Sie thedigitalprojectmanager.com/membership.
Heute sprechen wir über die Rolle der Verhaltenswissenschaft im Projektmanagement, darüber, wie sie unsere geliebten Projektmethoden beeinflusst und warum sie ein wichtiger Teil der Zukunft des Projektmanagements werden könnte. Bei mir ist heute Dr. Josh Ramirez, der CEO des Institute for Neuro & Behavioral Project Management.
Josh, danke, dass du heute hier bist.
Josh Ramirez: Vielen Dank für die Einladung. Das wird sicher Spaß machen.
Galen Low: Ich denke, das wird großartig. Josh und ich haben bereits vor der Aufnahme geplaudert und allein das Konzept des verhaltensorientierten Projektmanagements hat mein Interesse geweckt. Ich dachte, unsere Zuhörer*innen werden das echt spannend finden.
Wenn nichts anderes, dann wird es sicher eine Debatte auslösen. Ich freue mich richtig darauf. Vielleicht zunächst: Es ist eine interessante Kombination, und ich frage mich, ob du vielleicht die gleiche Entstehungsgeschichte erzählen könntest wie mir vorab: Wie bist du zum Projektmanagement gekommen und wie dann von dort zum Doktor der Verhaltenswissenschaft, und wie das zur Gründung des Institute for Neuro & Behavioral Project Management geführt hat?
Josh Ramirez: Ja, das ist eine interessante Geschichte. Ich war im Projektmanagement, meist im Bereich Department of Energy, Großprojekte usw., Projektsteuerung. Also viel Kosten- und Terminmanagement. Und meine Freundin Dr. Jodi Wilson, die ich kannte, war Verhaltenswissenschaftlerin. Ich habe all diese Dinge beobachtet – etwa, dass Menschen zu optimistisch planen, wir immer hinter dem Zeitplan sind, und ich wollte das herausfinden und fragte Jodi: Was ist da los?
Ist das irgendwie ein Verhaltensthema? Und sie tippte sich an den Kopf und sagte: Haben sie eines davon? Gemeint ist: Ein Gehirn? Und ich sagte: Ich denke schon. Sie meinte dann: Dann ist es ein Verhaltensproblem. Im Grunde genommen also. Sie hat mir dann Begriffe genannt, wie „kognitive Verzerrungen“. Ich wusste damit nichts anzufangen. Dann hat sie mir Beispiele genannt. Ich habe auf Wikipedia recherchiert und Dinge gefunden wie den „Planungsfehlschluss“. Das ist eine kognitive Verzerrung, die erklärt, warum wir eher zu kurze Laufzeiten schätzen.
Ich denke: Was? Das ist genau das, was ich suchte. Also habe ich weiter geforscht. Ich habe sie mehr gefragt. Ich überlegte auch einen PhD zu machen und sie sagte: Hast du dir schon mal dieses Programm an der Chicago School of Professional Psychology angeschaut?
Ich habe es mir angesehen und dachte: Das ist es, was ich gesucht habe! Meine Dissertation behandelte schließlich die Integration von Verhaltenswissenschaft und Projektmanagement. Das Thema: Auf dem Weg zu einer Theorie des verhaltensorientierten Projektmanagements. Während einer Flugreise – der ersten Familienreise nach Hawaii – lernte ich Behavioral Economics. Da hat es „Klick“ gemacht: Verhaltenswissenschaft wurde mit Wirtschaftswissenschaften verknüpft und heraus kam Behavioral Economics. Gilt das auch für Projektmanagement?
Also sitze ich noch Stunden im Flieger, ohne Netz, und denke: Gibt es schon Verhaltensprojektmanagement? Kaum gelandet, habe ich es sofort gegoogelt: Es gab nichts. Ich stand da wie vor den Kopf geschlagen. Das führte zu meiner Dissertation, zur Gründung des Institute for Neuro & Behavioral Project Management und dann zu unserem Zertifizierungsprogramm NeuralPlan.
Alles fügte sich zusammen. Jodi stand am Anfang und hat mich an das Thema herangeführt.
Galen Low: Diese Geschichte gefällt mir. Die besten Ideen kommen immer, wenn man auf einem Flug sitzt oder unter der Dusche steht, wo man erst mal nichts machen kann außer vielleicht auf eine Serviette zu kritzeln.
Wahnsinn. In welchem Jahr war das? Wann wurde das Institut gegründet?
Josh Ramirez: 2018 haben wir das Institut gegründet. Mit der Forschung habe ich 2016 begonnen.
Galen Low: Interessant, auch vom Timing her, denn seit etwa dieser Zeit, und auch heute noch, steigt das Bewusstsein für den Menschen als zentralen Faktor im Projektmanagement – nicht nur für Prozesse und Outputs. Meistens liegen die Probleme ja nicht an einem Dokument. Es sind die Menschen, die etwas durcheinanderbringen. Und das meine ich ganz freundlich.
Josh Ramirez: Wenn du über Methoden sprichst: Es geht darum, das Projektmanagement auf das Gehirn auszurichten. Das kann einfach bedeuten, die eigenen Methoden entsprechend zu aktualisieren.
Galen Low: Kannst du Beispiele nennen, was Verhaltensprojektmanagement für dich beinhaltet? Und vielleicht, wo es mit Unterstützung des Instituts schon heute angewandt wird?
Josh Ramirez: Es ist eine aufkommende Disziplin. Wir haben einige Pilotstudien gemacht.
Eine große war im Department of Energy, wo wir etwa 80% Verbesserung bei Planungssicherheit und Zielerreichung erzielen konnten. Natürlich gibt es auch unsere zertifizierten NeuroPlan-Praktiker, die eigene Modelle entwickeln.
Im klassischen Projektmanagement, Stichwort „Wasserfall“, gibt es Initiierung, Planung, Durchführung, Überwachung, Steuerung, Abschluss. Aber aus Verhaltensperspektive fragen wir: Wo kann man um das Gehirn herum gestalten? Wir haben vier Hauptmodalitäten des Behavioral PM: Prozesse, Schnittstellen (wie Software), Kennzahlen und Fähigkeiten. Oft denkt man bei Verhaltenswissenschaft nur an Fähigkeiten – Führung, Kommunikation, „Debiasing“. Das sind vielleicht 20%. Man kann aber Prozesse und Software so gestalten, dass sie menschliches Verhalten und Denkfehler berücksichtigen.
Zum Beispiel durch passende Metriken oder zusätzliche Prozessschritte, die von der Verhaltenswissenschaft empfohlen werden, um planbarer zu sein. Da gibt es Begriffe wie Nudging oder „Choice Architecture“.
Galen Low: Ich frage mich, ob Behavioral Project Management eine neue Methodik ist, die sich mit Wasserfall und Agile messen will oder eher Philosophie oder Framework? Ich mag das Wort „Design“ – besonders bei Prozessen. Man kann jede Methode wählen, aber auf Prozessebene, beim Umgang mit Software oder dem Erlebnis, kommt die Verhaltensperspektive ins Spiel.
Josh Ramirez: Richtig. Wir sagen: Behavioral PM ersetzt weder Wasserfall noch Agile. Es wird vielmehr Verhaltenswissenschaft in jede Methodik integrieren. Weil Menschen mit ihren Denkweisen in jeder Methodik vorkommen.
Behavioral PM wird zur Grundlage, auf der andere technische Disziplinen aufbauen. Es bedeutet nicht: Ich lasse Agile sein, weil ich Behavioral PM nutze. Sondern: Behavioral PM wird dort hineinintegriert. Beispiel: Behavioral Economics hat wirtschaftliche Theorien durch Verhaltenswissenschaft hinterfragt. Die Annahme, alle handeln rational, wurde korrigiert; der imaginäre „homo oeconomicus“ ist eben eine Fiktion.
So kann die Integration von Verhaltenswissenschaft viele Annahmen im Projektmanagement ändern. Ziel: Komplexität reduzieren, weil das Gehirn einfache Dinge besser verarbeitet.
Galen Low: Wie viel liegt wirklich im Verantwortungsbereich der Projektleitung? Unsere Hörer*innen fragen sich vielleicht, ob sie für jedes Projekt alle Prozesse neu schreiben und auf menschliches Verhalten anpassen sollen – oder ist das eher Teamarbeit oder Sache des Unternehmens?
Josh Ramirez: Es ist sicher mehr als nur Aufgabe des PM. Wahrscheinlich sehen wir die ersten Veränderungen im PMO. Oder wie wir es nennen: Behavioral PMO.
Das PMO ist der richtige Ort, um die kognitive Umgebung zu gestalten. Beispiel: Zeitdruck lässt uns automatisch denken (System 1 aus „Schnelles Denken, Langsames Denken“ von Kahneman). Unter Zeitdruck denken wir schneller, aber auch weniger gründlich; viele Entscheidungen erfolgen durch Heuristiken und kognitive Verzerrungen.
Projektmanagement ist definitionsgemäß eine temporäre Aufgabe – das bedeutet Zeitdruck, System 1, mehr Denkfehler, mehr Risiken und Verzögerungen. Die Organisation kann Zeitdruck, kognitive Belastung und psychologische Sicherheit regulieren. Nicht alles liegt in der Hand des PM.
Galen Low: Einverstanden. Vielleicht kannst du beschreiben, wie es aussieht, wenn Teams nicht unter Zeitdruck stehen. Wie funktioniert das?
Josh Ramirez: Man muss beachten, wie und in welchem Umfang Zeitdruck ausgeübt wird. Ein gewisses Maß ist okay, aber starker Zeitdruck führt zu mehr „Default-Denken“. Besonders bei Vorhersagen (Planung, Risikoeinschätzung, Ressourcenabschätzungen) sollte der Zeitdruck reduziert werden, weil genau dort sonst Denkfehler entstehen.
Galen Low: Ich hätte dieses Gespräch gerne schon vor 12 Jahren geführt! Bei Projekten mit viel Unklarem war schwer zu vermitteln, dass Research oder Entwicklungszeit nötig ist. Mit der Argumentation, dass das Denken unter Zeitdruck zu mehr Fehlern führt, hätte ich besser argumentieren können.
Josh Ramirez: Es gibt Vorurteile wie „Ich arbeite besser unter Druck“. Aber Koffein oder Ähnliches reduziert keine Denkfehler. Neurowissenschaftlich sind viele Prozesse bei allen gleich. Wer das versteht, kann bewusster gegensteuern.
Galen Low: Früher war im „klassischen“ Projektmanagement die Aufgabe nur, pünktlich abzuliefern. Heute wissen wir, wir arbeiten mit Teams von Menschen und müssen Wert liefern, nicht nur abhaken. Da kann die Verhaltenswissenschaft helfen. Eine perfekte Zeitplanung ist wenig wert, wenn in der Umsetzung keine Umgebung geschaffen wird, die zu besseren Lösungen führt.
Josh Ramirez: In einer weiteren Pilotstudie fand ich, dass 65% aller Terminverzögerungen vorhersehbar und vermeidbar waren. Ein Beispiel: Team A arbeitet vor Ort; Team B plant, nächste Woche am selben Ort zu sein, fragt aber nicht nach. Team B kommt und kann nicht arbeiten. Das führt pro Tag zu erheblichen Kosten und vergeudeter Zeit. Planung ist vorausschauende Koordination.
Das Gehirn muss dabei imaginieren. Planung ist eigentlich eine Übung in Vorstellungskraft. Jede Schwäche des Gehirns schlägt sich im Vorhersagen und damit in Fehlkosten und Zeitverzug nieder.
Galen Low: Was sind Lösungen? Du hast „Nudging“ und „Hinderniserkennung“ erwähnt. Wie kann das im Kontext von Planung und Zeitdruck helfen?
Josh Ramirez: Hinderniserkennung: Studien zeigen, dass das Identifizieren von Hindernissen vor der Schätzung von Ressourcen oder Zeitplanung die Zuverlässigkeit stark verbessert. Das Gehirn wird so gezwungen, mögliche Blockaden im Voraus zu sehen und anzugehen. Das führt zu besseren Plänen. Viele verhaltenstechnische Methoden wirken subtil, bringen aber nachweislich Erfolg, wenn man sie regelmäßig anwendet.
Ein weiteres Beispiel ist Nudging bzw. Choice Architecture. Dabei können Standards geändert werden (z.B. Opt-out bei Organspende), um gewünschtes Verhalten zu fördern.
Galen Low: Hinderniserkennung klingt ähnlich wie Risikomanagement. Aber ist das wirklich das Gleiche?
Josh Ramirez: Nein, aus Sicht des Gehirns ist das unterschiedlich. Risiko ist etwas, das vielleicht eintreten könnte – ich kann es mental als unwahrscheinlich einschätzen und verdrängen. Ein Hindernis ist aber definitiv da, ich muss mich damit auseinandersetzen. Hindernisse sprechen unser Gehirn stärker an und motivieren zur Lösung. Risikomanagement ist nötig, Hinderniserkennung aber ein anderer, ergänzender Ansatz.
Galen Low: Bildlich gedacht, ist das wie ein Hindernisparcours, den man wirklich durchlaufen muss – das gibt mehr Wertschätzung für den Prozess und für Komplexität. Hindernisse können als Aktivitäten in die Planung aufgenommen werden.
Josh Ramirez: Genau, große Hindernisse werden zu eigenen Aktivitäten. Es gibt dafür praktische Ansätze.
Galen Low: Zusammengefasst gibt es also eine neue Ebene beim Prozessdesign: Nicht nur „Soft Skills“, sondern menschengerechte Gestaltung von Prozessen, Software und Methoden – mit dem Wissen, wo das Gehirn schlecht plant und wie man es zu besseren Entscheidungen bringt.
Software kann zum Beispiel Nudges und passende Framing-Fragen intelligent einbauen.
Josh Ramirez: Ja. Wir arbeiten beispielsweise mit Softwareunternehmen daran, Verhaltenswissenschaft in Softwareprodukte zu integrieren. Man kann Defaults, Abläufe, AI-gestützte Prompts usw. so gestalten, dass bessere Entscheidungen erfolgen, ohne dass dazu alle Nutzer*innen Spezialwissen in Verhaltenswissenschaft brauchen. Gute Ergebnisse sind möglich allein über intelligentes Design.
Galen Low: Schönes Konzept. Wie kann man anfangen? Reicht das Bewusstsein für Biases oder ist das Design wichtiger?
Josh Ramirez: Am besten hilft beides – Wissen und gutes Design. Aber für den Anfang reicht Design oft schon aus.
Galen Low: Jetzt zu einer schwierigeren Frage. Projektleiter*innen debattieren seit Jahrzehnten über Methoden. Kann Behavioral Project Management auch so kontrovers werden?
Josh Ramirez: Ich glaube nicht, denn Behavioral Project Management basiert viel stärker auf Studien und Evidenz als viele klassische Methoden. Vieles ist wissenschaftlich belegt, sodass über die Wirksamkeit weniger zu diskutieren ist. Einfache Änderungen – wie z.B. Defaults oder Unpacking – funktionieren in praktisch jedem Setting.
Galen Low: Oft wird argumentiert, Projekte seien völlig einzigartig – aber tatsächlich ist das Hirn aller Teammitglieder die Konstante!
Josh Ramirez: Ja, es gibt sogar einen Einzigartigkeits-Bias. Aber die grundlegenden Denkprozesse und Schwächen sind fast immer gleich und daher übertragbar. Dass Projekte an Methoden scheitern, liegt oft daran, dass Methoden nicht an menschliches Verhalten angepasst sind.
Galen Low: Behörden und der öffentliche Sektor legen viel Wert auf Kontrolle und Monitoring, aber am Ende haben die vielen Tools und Regeln auch Nebeneffekte wie kognitive Überlastung, Vermeidung und schlechte Planung. Es käme darauf an, die richtigen Tools gezielt zu wählen.
Josh Ramirez: Genau. Evidenzbasierung hilft, aufs Wesentliche zu kommen, statt alles „irgendwie“ einzubauen.
Galen Low: Zum Thema Software und Künstliche Intelligenz: Sollten wir uns künftig mehr auf Technologie als auf menschliches Verhalten konzentrieren?
Josh Ramirez: Gerade durch KI wird Verhaltenswissenschaft zentral! KI übernimmt Routinetätigkeiten, lässt dem Menschen mehr echte Entscheidungen. Das fordert mehr bewusstes, durchdachtes Vorgehen (System 2). Prompts an KI sind sozusagen Nudges – wie ich frage, beeinflusst das Ergebnis. Künftig werden KI und PM-Systeme so designt, dass sie menschliche Verzerrungen ausgleichen helfen. Mit aufkommender KI rückt die Verhaltenswissenschaft ins Zentrum des Projektmanagements. KIs helfen, aber die wichtigen Entscheidungen und Denkfehler liegen weiterhin beim Menschen.
Galen Low: Ein Prompt ist tatsächlich ein Nudge; KI kann Kommunikation so umformulieren, dass sie für Stakeholder akzeptabler ist. Super Ansatz!
Josh Ramirez: Genau. KI kann z.B. Risiken positiv framen, damit sie leichter angenommen und bearbeitet werden. Behavioral Science bleibt mit KI nicht nur erhalten, sondern wird immer wichtiger.
Galen Low: Abschließend: Wie siehst du die Zukunft der Projektmethoden mit Behavioral Project Management und neuen Technologien?
Josh Ramirez: Die klassischen Methoden werden immer mehr hybrid. Viele Routinen werden automatisiert, aber die Entscheidungsfindung bleibt menschlich. Künftig hoffe ich, dass Software und Organisationsstrukturen im Projektmanagement deutlich menschzentrierter werden – recognizing: Projekte sind von Menschen für Menschen. Das Ziel: Die Erfolgsquote steigern und Fehlerquellen durch menschgerechtes Design reduzieren.
Galen Low: Das Bild vom Sonnensystem: Verhaltenswissenschaft ist die Sonne, die Methoden umkreisen sie – abhängig von Bedarf und Inhalt. Im Zentrum steht immer der Mensch.
Josh Ramirez: Unser Gehirn ist nicht nur Gefühlsmaschine, sondern vor allem auch eine Denkmaschine.
Galen Low: Das benutze ich als Zitat für diese Episode!
Josh Ramirez: Tu das gern!
Galen Low: Josh, danke vielmals, das war sehr aufschlussreich und hat Spaß gemacht. Wo kann man mehr über das Institut und deine Arbeit erfahren?
Josh Ramirez: Besuchen Sie behavioralpm.com – dort finden Sie das Institut. Unter „Membership“ können Sie kostenlos Mitglied werden. Unsere Zertifizierung, der NeuralPlan NPPQ, ist unter neural-plan.com zu finden (mit Monatszahlung für Kanada und USA). Neural wird geschrieben: N-E-U-R-A-L.
Galen Low: Super! Ich packe alle Links in die Shownotes. Vielen Dank nochmals.
Josh Ramirez: Es war mir eine Freude! Ich danke für die Einladung.
Galen Low: Und euch danke fürs Zuhören! Wenn Sie Teil unserer Community mit mehr als tausend Gleichgesinnten werden möchten: Gehen Sie auf thedigitalprojectmanager.com/membership um mehr zu erfahren. Wenn Ihnen die Folge gefallen hat, abonnieren Sie uns und bleiben Sie auf thedigitalprojectmanager.com in Kontakt.
Bis zum nächsten Mal – danke fürs Zuhören.
