Der Einstieg in das Projektmanagement ist nicht mehr das, was er einmal war. Da KI viele der klassischen Aufgaben von Koordinatoren automatisiert, scheint das Einstiegsniveau zu verschwinden – und angehende PMs fragen sich, wie sie überhaupt anfangen können. In dieser Folge spricht Galen Low mit Benjamin Chan, Gründer von CLYMB Consulting, darüber, was dieser Wandel für Junior-PMs, Personalverantwortliche und die nächste Generation von Projektleitern tatsächlich bedeutet.
Gemeinsam gehen sie der Frage nach, wie KI die Rolle des Projektkoordinators verändert, welche Fähigkeiten und Eigenschaften auf dem heutigen Arbeitsmarkt am wertvollsten sind und wie Unternehmen Karrierelaufbahnen neu denken können, damit Talente nicht auf der Strecke bleiben. Egal, ob Sie neu einsteigen, einstellen oder mentorieren – dieses Gespräch liefert praxisnahe Einblicke und umsetzbare Ideen für die Navigation in der neuen Arbeitswelt.
Das lernen Sie in dieser Folge
- Warum KI Einstiegsjobs im Projektmanagement nicht “getötet” hat – sondern sie lediglich verändert
- Wie angehende PMs außerhalb klassischer Koordinatorrollen Fähigkeiten und Erfahrungen sammeln können
- Worauf Personalverantwortliche bei der Rekrutierung von Nachwuchstalenten achten sollten
- Warum Coaching, Mentoring und die Neudefinition der Koordinatorrolle entscheidend für die Entwicklung zukünftiger PM-Führungskräfte sind
- Warum menschzentrierte Fähigkeiten wie kritisches Denken, Urteilsvermögen und Beziehungsaufbau auch im KI-Zeitalter unverzichtbar bleiben
Wichtige Erkenntnisse
- Das Knappe-Modell: Betrachten Sie Junior-PMs nicht als Protokollanten, sondern als Knappen, die an der Seite von Rittern lernen. Ihre Rolle sieht heute vielleicht anders aus, aber das Prinzip der Lehre bleibt entscheidend.
- Bauen Sie Ihren Blickwinkel früh auf: Projektmanagement-Kompetenzen lassen sich überall entwickeln – bei Schulprojekten, in Nebenjobs oder Ehrenämtern. Entscheidend ist, mit einer PM-Perspektive heranzugehen und diese Erfahrung vermitteln zu können.
- Generalisten sind wertvoll: In einem disruptiven Markt zählen Anpassungsfähigkeit und Erfahrung in verschiedenen Bereichen oft mehr als enge Spezialisierung.
- Coaching überbrückt die Lücke: Urteilsvermögen und Bauchgefühl lassen sich nicht im Klassenzimmer lehren, wohl aber durch Coaching und Mentoring fördern.
- Die Einstiegsrolle neu definieren: Unternehmen, die Koordinatorrollen neu denken – und bei Bedarf neue schaffen – können bisher ungenutzte Talente fördern.
Kapitel
- [00:00] Intro und Begrüßung des Gastes
- [00:04] Das Verschwinden des “Erdgeschosses” im Projektmanagement
- [00:07] PM-Kompetenzen früh aufbauen – innerhalb und außerhalb der Arbeit
- [00:12] Die PM-Perspektive in jedem Job anwenden
- [00:14] Die Koordinatorrolle als Lehrzeit
- [00:17] Worauf Personalverantwortliche jetzt achten sollten
- [00:21] Der Aufstieg (und die Herausforderung) des Generalisten
- [00:26] Coaching, Mentoring und Urteilsvermögen in der Praxis
- [00:31] Wie Unternehmen die nächste Generation unterstützen können
- [00:34] Was Koordinatoren heute tun könnten
- [00:38] Ein Blick nach vorne: Einstiegsrollen neu definieren
- [00:40] Warum weiterhin Menschen – und nicht KI – Menschen einstellen
Unser Gast

Benjamin Chan ist Gründer & Principal Coach bei CLYMB Consulting, wo er überforderte Projektmanager dabei unterstützt, sich zu souveränen, strategischen Führungskräften zu entwickeln. Mit über 15 Jahren Erfahrung in der Leitung vielfältiger Projekte aus Branchen wie Fintech, Banken, Energie, öffentliche Verwaltung und Software betont Bens Coaching Aspekte wie Denkweise, Kommunikation, emotionale Intelligenz, Konfliktlösung und strategisches Denken als Ergänzung zu klassischen Methoden. Außerdem moderiert er den Podcast The Organized Chaos Café, spricht bei PMI-Chaptern und verfügt über Qualifikationen wie PMP, Professional Engineer (P.Eng), Agile Scrum Master und Certified Management Consultant.
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Galen Low: Wie können angehende Projektmanager den Einstieg in die Welt des Projektmanagements schaffen, wenn es kein Erdgeschoss und keine Treppe bis ins zweite Stockwerk gibt?
Ben Chan: Für diejenigen, die ins Projektmanagement einsteigen wollen, sollten Sie so früh wie möglich und wo immer Sie sind, damit beginnen, diese Fähigkeiten aufzubauen.
Galen Low: Was sind die Fähigkeiten und Eigenschaften, nach denen ein Einstellungsmanager sucht, vor dem Hintergrund, dass KI-Tools die ganzen traditionellen Aufgaben eines Projektkoordinators übernehmen?
Ben Chan: Schnelle Auffassungsgabe, Anpassungsfähigkeit, Konfliktmanagement. Das sind Dinge, die den Erfolg antreiben.
Galen Low: Nimmt KI wirklich Einstiegspositionen weg oder definiert sie einfach neu, was ein Einstiegsjob bedeutet?
Ben Chan: Wahrscheinlich Letzteres. Es könnte eine Neudefinition davon sein, wie diese Rolle genau aussieht. Es entstehen neue Jobs, an die noch niemand gedacht hat. Netzwerke. Geh und sprich mit Menschen. Am Ende wird dich keine KI einstellen. Menschen werden dich einstellen.
Galen Low: Willkommen beim Podcast „Der Digitale Projektmanager“ – die Show, die Lieferleitern hilft, intelligenter zu arbeiten, schneller zu liefern und besser zu führen im Zeitalter der KI.
Ich bin Galen und jede Woche tauchen wir ein in praxisnahe Strategien, neue Tools, bewährte Frameworks und die eine oder andere Kriegsgeschichte von der Projekt-Front. Egal, ob du große Transformationsprojekte leitest, KI-Workflows bändigst oder einfach nur das Chaos unter Kontrolle halten willst: Du bist am richtigen Ort. Lass uns loslegen.
Heute sprechen wir darüber, wie KI-Einfluss auf Einstiegspositionen im Projektmanagement genommen hat und was Unternehmen sowie angehende Projektleiter dagegen tun können. Heute ist Benjamin Chan bei mir, Gründer von CLYMB Consulting und ein sich erholender „Projekt-Feuerwehrmann“. Bei CLYMB ist Ben der führende Erfolgstrainer für Projektführung und baut auf mehr als 15 Jahre Erfahrung in Projektrettung und der Leitung großer Unternehmensprojekte.
Doch er ist auch ein gefragter Keynote-Sprecher, Graphic-Novel-Enthusiast und einer der wichtigsten Stimmen im Bereich Projektmanagement auf LinkedIn in Kanada und den USA. Seine Mission? PMs die Unterstützung geben, die sie brauchen, damit sie aufhören zu kämpfen und anfangen, selbstbewusst Karriere im Projektmanagement zu machen.
Ben, danke, dass du heute dabei bist.
Ben Chan: Danke Galen, dass ich in deiner Show zu Gast sein darf.
Galen Low: Es ist mir eine Ehre. Du hattest mich in deinem Podcast, es hat richtig Spaß gemacht. Ich dachte, ich revanchiere mich bei dir – und dann sind mehrere Monate vergangen, tut mir leid... Aber am Ende hat es ganz gut gepasst, denn wie ich letztens jemandem gesagt habe, vermutlich sogar heute: Die Welt des Projektmanagements hat sich seit Jahrzehnten nicht so schnell verändert wie gerade jetzt, gefühlt ist jeden Tag etwas anders. KI hat den Arbeitsmarkt beeinflusst, die Rollen wandeln sich, und genau jetzt sollten wir über Karrierefragen, Wachstum und die Narrative rund um Einstiegsjobs sprechen – nicht nur im Projektmanagement, sondern für alle Wissensarbeit. Da passiert unglaublich viel.
Ben Chan: Ja, das Interessante ist, dass sich zwar viel verändert, aber auch viele Elemente gleichbleibend sind, die sich konstant durchziehen im Projektmanagement und der Führung. Man muss analysieren, wie diese Bereiche sich überschneiden, abweichen und im aktuellen Markt zusammenspielen.
Galen Low: Das stimmt, es ist wie Geschichte, die sich wiederholt. Ich habe schon mal daran gedacht, mal einen Historiker einzuladen, um zu fragen: „Was ist in der Industriellen Revolution passiert?“ Entweder war es dann egal oder nicht, aber man kann daraus lernen. Manche Grundlagen bleiben, aber dann kommt die Disruption – so bleibt man wachsam. Wir kennen uns ja schon länger, sind LinkedIn-Buddys, und wir können ordentlich in Detailthemen abtauchen ... aber falls wir beim Thema bleiben, hier ist die Roadmap für heute: Zuerst will ich diese eine brennende Frage loswerden, die viele schlaflose Nächte bereitet – wie man im Jahr 2025 den Einstieg ins Projektmanagement schafft. Dann möchte ich auszoomen und über drei Dinge sprechen: Erstens über die Mythen, die aktuell PM-Hiring-Trends steuern; dann, welche Fähigkeiten Einstellungsmanager suchen sollten, auch für Junior-PMs in Zwischenpositionen; und zuletzt über die Bedeutung des Wandels bei weißen Einstiegsjobs – insbesondere im Projektmanagement und wie wir die nächste Generation zum Erfolg führen können.
Ben Chan: Lass uns starten. Schauen wir mal, wo das hinführt.
Galen Low: Super. Die große Wolke, die aktuell über dem PM-Feld hängt, ist das Verschwinden von Einstiegspositionen durch KI. Die Geschichte ist: Generative und agentenbasierte KI übernimmt viele typische Aufgaben von Einsteigern, Einstiegsjobs sind einfach nicht mehr da. Talentierte Leute, die einsteigen wollen, müssen direkt ins zweite Stockwerk – aber es gibt kein Erdgeschoss und keine Treppe, keine Aufzüge… nichts. Meine Frage: Wie können angehende Projektleiter überhaupt einsteigen, wenn es das Erdgeschoss nicht mehr gibt?
Welche Fähigkeiten und Haltungen brauchen PMs, um über das hinauszuwachsen, wofür sie klassisch als qualifiziert galten?
Ben Chan: Ja, und vielleicht können wir den klassischen Weg beleuchten, auf dem viele Projektmanager starten. Meist kommen sie als Projektkoordinator rein, übernehmen Aufgaben wie Mitschriften bei Meetings, Tasks verlagern, ein wenig Kostenkontrolle, Projekt-POs und solche Sachen. Aber heute übernimmt KI viele dieser Themen. Das Meeting ist vorbei – Zusammenfassung, Aufgaben, alles wird automatisch erstellt.
Der klassische Job, um direkt am „Lernen-auf-Augenhöhe“ teilzunehmen, ist einfach nicht mehr so kritisch. Dadurch wächst die Erfahrungslücke zwischen Mid-Career- und Senior-Projektmanagern weiter, denn für Neue fehlt die betreffende Praxiserfahrung.
Personalverantwortliche sagen dann: „Du hast keine Erfahrung.“ Und sie können sie auch nicht sammeln, da KI die Arbeit effizient erledigt. Das ist die aktuelle Situation. Wer ins PM möchte, sollte also so früh wie möglich Fähigkeiten aufbauen – egal wo. Projektmanagement sollte Pflicht in der Schule sein, schon ab der Mittelstufe.
Wie viele von uns lernen erst, wenn es kurz vor knapp ist – Nachtschichten vor Klausuren oder dem fertigen Bericht? Das ist schlichtweg schlechtes Projektmanagement!
Galen Low: PMI nennt das wohl „Den Zeitplan crashen“.
Ben Chan: Ja genau. Erst crasht du über Nacht den Zeitplan, dann ins Bett. Aber genau das sind Fähigkeiten, die wir viel früher lernen sollten. Baue diese Skills früh auf und verstehe, wie sie zusammenhängen. Auch bei Gruppenarbeiten an der Uni – das ist ein Thema, das ich gerne an Hochschulen diskutieren würde, warum Gruppenarbeiten dort oft so schlecht laufen.
Jeder kennt das: Ein Mitstudent macht nichts, die anderen schleppen alles über die Ziellinie und sind völlig erledigt. Trotzdem sind genau da sehr viele Lektionen drin.
Galen Low: Ja, im Nachhinein erkennt man: Am Ende war das zwar mühsam, aber wohl die beste Vorbereitung auf den echten Arbeitsalltag. Arbeit IST wie eine Gruppenarbeit!
Ben Chan: Trotzdem, lernen tun wir daraus selten, außer, dass wir mit Person XY nie wieder etwas machen wollen.
Galen Low: Mir gefällt der Gedanke, die Skills früh und vielseitig zu entwickeln. Ehrenamtliche Erfahrung ist nicht leicht im PM-Kontext zu bekommen, aber viele ehrenamtliche Tätigkeiten vermitteln trotzdem Soft Skills, auch wenn man offiziell kein „Projektkoordinator“ ist. Es geht um Erfahrungen im Miteinander und im Dinge-vorantreiben – und das ist oft hilfreich als Argument für die eigene Erfahrung, um die Lücke des fehlenden Einstiegsjobs zu füllen.
Ben Chan: Genau. Es geht auch um die Perspektive: Wer ins PM möchte, sollte sich früh fragen, wie kann ich meine Erfahrungen als PM übersetzen? Beispiel McDonald's: Viele sehen das als Nebenjob, aber dahinter stecken systematisierte Prozesse, Lieferkettenmanagement, Prozessoptimierung ... Versetze dich hundert Jahre zurück – jemand hätte nicht geglaubt, dass man ein komplettes Essen in zwei Minuten servieren kann!
Galen Low: Wird es ein Apfel?
Ben Chan: Genau. Bei McDonald's steckt überall Methodik dahinter – Zeitmanagement, Lean SixSigma, usw. Sie geben ihre Geheimnisse nicht preis, aber es steckt viel Optimierung drin. Man kann auf die Prozesse stolz sein und so lernen, wie man zum Ergebnis beiträgt.
Galen Low: Stimmt. Mein Schülerjob war in einem Fotolabor bei Walmart. Damals habe ich oft nur die Uhr abgesessen, aber im Nachhinein gesehen, wie groß das Gesamtsystem dahinter ist. Das Fotolabor verdiente kein Geld – aber Kunden blieben zum Shoppen. Die Funktionsweise war eine ganz andere als der Rest des Stores: Kultur, Management usw. Es lohnt sich, darauf zu achten und daraus zu lernen – um davon später im Interview zu berichten, selbst wenn es nicht zu den eigentlichen Aufgaben gehörte.
Ben Chan: Absolut. Es kommt darauf an, wie weit man den eigenen Blickwinkel öffnet.
Galen Low: Du hast vorhin gesagt, dass das Projektkoordinatoren-Rolle eigentlich auch aus dem Lernen durch Zuschauen besteht: Man beobachtet erfahrene Projektleiter und übernimmt irgendwann selbst. Früher war Protokollieren und Statusberichte fast der „Preis“ dafür, dass man überhaupt dabei sein durfte. Aber wenn KI einiges davon übernimmt, bleiben trotzdem ungeliebte Aufgaben für die PMs – und Unterstützung wird weiterhin benötigt. Die Aufgabe des Koordinators könnte sich neu definieren, eben Unterstützung zu geben, wo sie gebraucht wird. Was denkst du?
Ben Chan: Ja, das sehe ich auch so. Es ist wie Ritter und Knappe: Der Junior ist mit auf der Reise. Das heißt, der Projektmanager muss mehr delegieren und vertrauen – schwierig, wenn Erfahrung fehlt. Aber indem man gemeinsam an Aufgaben arbeitet und gezielt fördert, wächst genau die richtige Erfahrung. Junior-Koordinatoren sollten sich Aufgaben aussuchen können, Unterstützung erhalten und auch im Schatten lernen, aber daneben auch aktiv eingebunden werden. Die Rolle muss sich anpassen und Organisationen müssen das neu denken.
Galen Low: Die „Knappe-Ritter“-Metapher ist toll: Wenn die KI das schwere Tragen übernimmt, bleibt für den Knappen trotzdem noch Verantwortung – eben andere Aufgaben, neue Möglichkeiten. Gerade für Berufseinsteiger und Quereinsteiger: Viele bringen viel Potenzial mit, auch wenn wir oft unterschätzen, was jemand im Einstieg leisten kann. Die alten Stellenbeschreibungen passen nicht mehr. Die Situation ist spannend, weil Talent verfügbar ist, doch die bisherigen Strukturen greifen nicht. Was sind die gesuchten Fähigkeiten jetzt? Nicht mehr Protokollschreiben, sondern andere? Wie sieht das im Zeitalter KI-unterstützter Tools aus?
Ben Chan: Spannende Frage. Es gab einen Wandel in der Ausbildung: Viele wissen heute, was ein Projektmanager macht – das war früher nicht so. Es gibt Leidenschaft und Wissen für das Thema bereits am Karrierebeginn. Durch KI übernimmt aber viel Basistätigkeit, birgt aber auch Risiken wie Halluzinationen – ähnlich wie beim Taschenrechner, der das Ergebnis ausspuckt, aber man sollte den Lösungsweg als Logik zeigen können und kontrollieren. Die Fähigkeit, zu prüfen, ob die Antworten Sinn ergeben, bleibt wichtig.
Ich selbst bin Generalist, habe viele Industrien und Projekttypen geleitet, von Lieferketten über FinTech, Oil & Gas, Regierung, bis hin zu Software, Prozessoptimierung, Finanzmodellierung, Strategie usw. Manchmal werde ich gefragt: „Was ist Ihre Branchenspezialisierung?“ Meine Antwort: Allgemein, denn ich setze die Methoden flexibel ein.
Für Personaler sollte daher gelten: Stärker auf Eigenschaften schauen, statt nur Erfahrung in einer Branche. Das schafft Tiefe: Schnell lernen, anpassungsfähig, zuhören, im Team arbeiten, Konfliktmanagement, Organisation. Das schadet keinem Bereich und ist wichtiger als die Spezialisierung. Viele denken: „Der Projektmanager für ein IT-Projekt muss unbedingt IT‘ler sein.“ Ich glaube: Mit der richtigen Einstellung und Lernfähigkeit geht es auch anders.
Galen Low: Ich glaube, der Generalist erlebt ein Comeback: Früher waren Spezialisten gefragt, heute mit agilen Methoden und KI mehr Vielfalt möglich. In disruptionsträchtigen Märkten schadet Vielseitigkeit nicht. Wird der Generalist eine Renaissance erleben?
Ben Chan: Ich warte noch darauf. Es gibt einige, die das sehen, aber viele Organisationen tun sich schwer, einem Generalisten zu vertrauen.
Galen Low: Manchmal ist es Risikovermeidung: „Sie haben etwas zwar schnell gelernt, aber wir wollen jemanden, der exakt drei Jahre das gemacht hat.“ Was lernt man in diesen drei bis fünf Jahren? Wahrscheinlich kritische Szenarien. Aber gerade das, was du erwähnt hast – kritisches Denken, Hinterfragen gegen KI-Fehler – das hat man meist länger trainiert als drei Jahre. Das sind Soft Skills, die mit praktischer Erfahrung einhergehen. Ist das gleichwertig zu mehreren Jahren Erfahrung?
Ben Chan: Man bekommt die drei Jahre Erfahrung erst durch einen passenden Job. Doch wie prüft man die Ergebnisse der KI richtig, wenn einem Erfahrung fehlt? Vielleicht überprüft man zu viel, leidet unter Entscheidungsdruck … Das ist für beide Seiten, Firmen wie Einsteiger, eine Herausforderung. Deswegen finde ich Coaching wichtig – eben nicht alle Fehler auf eigene Kosten machen, sondern mit Unterstützung. Beim Coaching begleite ich neue PMs, gebe Feedback, setze Leitplanken, lasse aber Raum für eigene Entwicklung, sodass sie aus realen Erfahrungen lernen. Institutionen haben hier die Möglichkeit, diese Brücke zu bauen – wie der Knappe zum Ritter wird. Tragen alleine reicht nicht, irgendwann muss man das Schwert führen können.
Galen Low: Der Aspekt der Unterstützung ist wichtig: Es ist keine Einbahnstraße – sich Erfahrung holen, ohne dass es einen Einstiegsjob gibt, klappt nicht. Manche Dinge, die man eigentlich sucht, lassen sich nicht formalisieren oder lehren, schon gar nicht billig – daher Coaching als Brücke. Der Instinkt für Situationen, das richtige Bauchgefühl, ist oft das Ziel der Berufserfahrung. Man kann das Bauchgefühl aber im Coaching entwickeln, indem erfahrene Führungskräfte wie du als Sparringspartner dienen und selbstständige Entscheidungsfähigkeit stärken – gerade zu Beginn der PM-Karriere.
Ben Chan: Genau. Und es geht nicht nur um Theoriewissen aus Trainings oder PMBOKs, sondern um konkrete Situationen, kreative Problemlösung im Grenzfall. Jeder Kontext ist anders – Politikum, Team, Ziele. Coaching kann den Leuten helfen, Intuition und Entscheidungsfähigkeit im Alltag zu entwickeln, anstatt theoretische Methoden einfach nur abzunicken.
Galen Low: Wirklich spannend – selbst wer PMBOK auswendig kennt, lernt Entscheidungsfähigkeit erst in der Praxis. PMP ist also kein Zertifikat für Anfänger, sondern setzt gelebte Erfahrung voraus. Die Kombination aus Methodenwissen und Praxis ist entscheidend. Coaching an sich wird oft erst später eingesetzt, wenn es keine Playbooks mehr gibt, aber eigentlich wäre es schon viel früher sinnvoll.
Mir gefällt die Idee, dass das eine Lösung für die Einstiegsjob-Lücke sein kann: Weiterbildung, Coaching, Support – das kann die nächste Generation von Projektleitern fördern. Aber was müssen Unternehmen dafür konkret tun? Wie können sie Teil der Entwicklung des Fachkräftemarktes werden – auch wenn Ausbildung oder Rollendefinition Zeit braucht?
Ben Chan: Unternehmen müssen die Rolle des Projektkoordinators neu definieren: Wie fügen sie Mehrwert hinzu – im Projekt und perspektivisch? Sind alle Ritter und keine Knappen mehr da, trägt sich die Truppe selbst zu Tode. Es braucht vielleicht neue Jobs, die es bisher nicht gab – sei es GPT-Betreuer, Wissensmanager, whatever. So wie früher Programmierer und dann Webentwickler entstanden, werden auch künftig völlig neue Rollen entstehen.
Galen Low: Stimmt absolut. Als Prompt Engineer – das war zeitweise ein Buzzword. Heute meint man: Prompt Engineering wird Skill für viele. Aber die Idee, jemanden zu haben, der KI-Projektwissen pflegt, ist spannend. Früher waren das Protokolle und Statusberichte, heute ist es etwas anderes. Die Tools sind jetzt Stakeholder, müssen gefüttert werden. Was wäre für dich heute, wenn du einen Projektkoordinator anstellst, die Aufgabe, die er übernehmen soll – welches Rüstzeug würdest du ihm geben?
Ben Chan: Ganz ehrlich: Die ganze KI-Sachen ... Nein, im Ernst: Die Themen rund um Kostenrechnung, Buchhaltung – Unterstützung dabei wäre Gold wert. Dinge, die immer wieder neue Regeln haben, was Capex/Opex ist, das ist kein exaktes Wissen, sondern oft „Hokuspokus“ je nach Budgetjahr.
Galen Low: Du meinst weniger die Mathematik, sondern die Logik der Buchhaltung, ja?
Ben Chan: Genau. Und natürlich Stakeholdermanagement: Unterstützung darin, alle Beteiligten im Blick zu halten, Nachzuhaken, Beziehungen zu pflegen. Mails oder KI-Bots reichen nicht – echte menschliche Verbindung ist hier gefragt. Das stärkt Beziehungen und fördert PM-Qualitäten.
Galen Low: Das ist super: Finanzielle Bildung ist wichtig für die Karriere, aber auch die anderen genannten Kompetenzen – Empathie beim Stakeholdermanagement, Einzelgespräche, Ursachenforschung, Optimierungsvorschläge sind oft viel wichtiger als Massenkommunikation. All das sind Skills, die der Junior vermitteln und entwickeln kann, die den Projekterfolg fördern.
Ben Chan: Genau. Der Knappe fragt auch die Ritter „Was ist los? Wie kann ich helfen?“. Wert schaffen kann auf vielen Wegen gelingen.
Galen Low: Wahrscheinlich gibt’s jetzt Kommentare wie „Ich bin Professor für mittelalterliche Geschichte und so lief das nicht ...“, aber der Punkt bleibt: Manche Headlines prophezeien das Verschwinden der Einstiegsjobs, andere neue Jobs, aber noch sieht man sie nicht. Was ist dein Ausblick? Vernichtet KI die Jobs oder werden sie neu definiert – und was heißt das für kommende Generationen?
Ben Chan: Es ist wohl eine Neudefinition, aber viele Faktoren (politisch, wirtschaftlich) spielen hinein. Mein Tipp für Einsteiger: Seid kreativ, welche Rollen ihr besetzen könntet und was Firmen brauchen. Vernetzung ist wichtig: Der klassische Bewerbungsprozess wird zunehmend von KI gefiltert und verzerrt – sucht den realen Austausch. Am Ende stellen immer noch Menschen ein, nicht Maschinen.
Galen Low: Genau. Unsere Generation hat nach Stellenbezeichnungen gesucht, sie zu ihrer Identität gemacht – aber tatsächlich wird in Unternehmen oft die Rolle nach Bedarf gebildet, gerade in agilen oder unsicheren Märkten. Nach einer Vernetzung oder einem Café-Treffen kann ein neuer Job entstehen – öfter als gedacht.
Ben Chan: Danke Galen.
Galen Low: Das wäre eigentlich ein schöner Schluss. Willst du mir noch eine Frage stellen?
Ben Chan: Wie siehst du den Einfluss von KI speziell für digitale Projektmanager?
Galen Low: Spannend. Mittlere Antwort: Im Digitalbereich gibt’s mehrere Ebenen. Erstens: KI zum Wertschaffen, Kollaborieren, Projekte liefern. Zweitens: Oft werden digitale Produkte heute parallel mit KI erstellt – das Kreativteam nutzt KI. Das bedeutet zusätzliche Verantwortung: Zu wissen, woher Inhalte kommen, Plagiate vermeiden, Risiken erkennen. Und drittens: Häufig bauen wir heute direkt KI-Produkte – also müssen wir auch die Auswirkungen unseres Produkts verstehen. Das sind viel mehr Schichten als früher, aber wahnsinnig spannend. Wir brauchen strategisches Denken und Verantwortungsbewusstsein, denn als digitale Projektleiter steigen wir tief in den Prozess ein.
Ben Chan: Das war jetzt die mittellange Antwort – wie lang wäre wohl die lange Version? ;-)
Galen Low: Tja, ganz mein Stil! Ben, danke, dass du heute dabei warst, es hat mir viel Spaß gemacht.
Bevor ich dich entlasse: Wo kann man mehr über dich erfahren und gibt’s etwas Aktuelles, das du bewerben möchtest?
Ben Chan: Ihr findet mich bei LinkedIn als PM Coach Ben oder Benjamin Chan – vernetzt euch gern mit mir! Ich spreche auf diversen PMI-Events in den USA und Kanada: Vancouver, Pittsburgh, Washington DC, PMI Alamo, Zypern ... überall. 2025 starte ich außerdem ein Gruppencoaching-Programm namens Project Apex – gezielt für Projektmanager, die ihre Leadership-Skills grundlegend stärken wollen. Dazu gibt’s begleitend drei Monate Gruppencoaching, wo wir an echten Situationen und Herausforderungen gemeinsam arbeiten, Führungsstärke ausbauen und so Projekte und Karrieren aufs nächste Level heben.
Galen Low: Hervorragend – die perfekte Ergänzung zur bisherigen Ausbildung: Nicht nur gute Noten und ein Job, sondern echtes Coaching, Erfahrungsaustausch und Unterstützung beim Umgang mit neuen Situationen und der Entwicklung von Instinkt und Urteilsvermögen.
Ben Chan: Absolut.
Galen Low: Ich verlinke alles in den Shownotes. Wer Ben noch nicht auf LinkedIn folgt: Tut es! Deine Inhalte, Ben – einfach klasse: Comicbuch-Optik, Memes, starker Praxisbezug und wirklich inspirierend! Mach weiter so.
Ben Chan: Danke, Galen. Hat Spaß gemacht hier zu sein.
Galen Low: Das war’s für diese Folge vom Podcast „Der Digitale Projektmanager“. Wenn dir das Gespräch gefallen hat, abonniere uns auf deiner Lieblingsplattform. Für weitere Tipps, Fallstudien und Playbooks: thedigitalprojectmanager.com.
Bis zum nächsten Mal und danke fürs Zuhören.
