Fractionale Remote-Jobmöglichkeiten nehmen zu und bieten Fachkräften die Chance, dem traditionellen Hamsterrad zu entkommen, mehrere Rollen zu übernehmen, ihr eigener Chef zu sein und die transaktionale Natur von Vollzeitarbeit zu vermeiden. Doch wie startet man in diese neue Welt der fractionalen Arbeit – und was, wenn es nicht klappt?
Michael Gold, Fractional-Projektmanagement-Experte und Gründer von The Fractional Hub, spricht über den wachsenden Trend fractionaler Projektmanagementrollen. Er gibt Einblicke, wie dieses Modell künftig genauso verbreitet werden könnte wie traditionelle Vollzeitstellen – oder diese sogar ersetzen könnte – und hilft Ihnen so, eine fundierte Entscheidung zu treffen, ob dieser Weg für Sie passend ist.
Interview-Highlights
- Fractionale Arbeit im Projektmanagement verstehen [02:27]
- Fractionale Arbeit, die früher vor allem für Führungspositionen (wie CFOs oder CMOs) eingesetzt wurde, gewinnt nun auch im Projektmanagement an Bedeutung.
- Der Begriff “fractional” suggeriert oft eine strategische, leitende Beteiligung – nicht nur Teilzeit- oder Freelance-Arbeit.
- Es gibt wachsende Unschärfe und Entwicklung beim Begriff – manche sprechen jetzt von “fractionally freelance”, um mehrere Teilzeitverträge mit unterschiedlichen Kunden zu beschreiben.
- Traditionelle Projektmanagement-Verträge waren meist Vollzeit, doch heute können PMs dank Remote-Arbeit für mehrere Kunden in Teilzeit arbeiten.
- Ein fractionaler PM kann sehr strategisch arbeiten, indem er große Programme wenige Tage pro Woche leitet, während andere die täglichen Aufgaben übernehmen.
- Diese Veränderung spiegelt einen breiteren Wandel hin zu mehr Flexibilität und Remote-Zusammenarbeit wider.
- Fractionale Projektmanager sind ideal für Unternehmen, die sich keinen Vollzeitmitarbeiter leisten können oder nicht benötigen, aber dennoch strategische Einrichtung und Führung brauchen.
- Die Einstellung eines fractionalen PM schafft Strukturen, bevor Freiberufler oder zusätzliche Unterstützung ins Team kommen.
- Dieses Modell ermöglicht Flexibilität: Statt Vollzeit einzustellen oder Mitarbeiter zu überlasten, kann jemand gezielt für bestimmte Projekte in Teilzeit hinzugezogen werden.
- Remote-Arbeit ermöglicht täglichen Fortschritt bei mehreren Kunden ohne starre Zeitpläne.
- Festgelegte Tageskontingente (z. B. 8 Tage/Monat) dienen eher der Budgetierung; die tatsächliche Arbeit richtet sich flexibel nach Bedarf.
- Das Modell wirkt Mikromanagement entgegen und belohnt Effizienz – der Fokus liegt auf den Ergebnissen und nicht auf dokumentierten Stunden.
- Es fördert psychologisches Vertrauen, nimmt den Druck, “beschäftigt zu wirken” und vermeidet es, Leistungsträger mit zusätzlicher Arbeit zu bestrafen.
- Freelancer bleiben unverzichtbar, aber es entsteht eine wachsende Unterscheidung zwischen aufgabenbasierten Freelancern und strategisch fractionalen Rollen.
- Fractionale Arbeit ermöglicht es Fachleuten, sich zu fokussieren und sich auf eine Nische zu spezialisieren, statt Generalisten zu sein.
- Steigende Produktivität (unterstützt durch KI) verringert den Bedarf an vollzeitigen Generalistenrollen.
- Unternehmen können nun mehrere Teilzeit-Spezialisten statt eines Vollzeit-Allrounders beschäftigen.
- Der Trend geht weiter zu Portfolio-Karrieren im fractionalen Stil, die auf tiefgreifender Expertise basieren.
- Generalisten werden weiterhin gebraucht, aber sie werden selbst eine Nische abdecken und besondere organisatorische Bedürfnisse bedienen.
- Die Zukunft der Arbeit: Fractional vs. Vollzeitbeschäftigung [14:56]
- Das Vertrauen in klassische Vollzeitbeschäftigung nimmt ab – besonders angesichts wirtschaftlichen Drucks, KI-Umbruchs und umfassender Entlassungen.
- Fractionale und freiberufliche Arbeit wächst rasant, Prognosen zufolge wird bis 2027 mehr als die Hälfte der US-Belegschaft freiberuflich tätig sein.
- Vollzeitstellen werden zunehmend als ausgedehnte Freelance-Verträge betrachtet, mit einer durchschnittlichen Betriebszugehörigkeit von ca. zwei Jahren.
- Portfolio-Karrieren und Nischenspezialisierungen werden durch gesteigerte Effizienz und technische Möglichkeiten zur Norm.
- Vor allem jüngere Generationen bevorzugen überwältigend flexible, nicht-traditionelle Arbeit gegenüber klassischer Vollzeitanstellung.
- Große Firmen wie EY, PWC und Deloitte setzen auf fractionale Arbeit und bestätigen damit den nachhaltigen Wandel.
- Die Arbeitswelt der Zukunft wird sich voraussichtlich stärker um Mikrounternehmen und Fractional-Beratung drehen, statt um klassische, großskalige Beschäftigungsmodelle.
Die durchschnittliche Verweildauer eines Mitarbeiters im Unternehmen liegt heute bei zwei Jahren. Das heißt, bereits nach etwa 18 Monaten sucht man nach der nächsten Rolle. In zehn Jahren werden wir erkennen, dass ein Vollzeitjob im Wesentlichen ein verlängerter Freelance-Vertrag ist. Wir haben diesen Denkansatz bereits übernommen, Sicherheit gibt es nicht mehr garantiert.
Michael Gold
- Einstieg in die Fractional-Arbeit [19:28]
- Traditionelle Bildungssysteme und Arbeitsmodelle drängen Menschen in Vollzeitbeschäftigungen, wodurch der Wechsel zur Fractional-Arbeit ungewohnt und riskant erscheint.
- Michael fand allmählich zur Fractional-Arbeit, nachdem er mit Vollzeitstellen unzufrieden war—zunächst als Teilzeit-Freelancer und später durch die Entdeckung des „Fractional“-Modells.
- Er betont die Bedeutung von gründlicher Recherche, statt einfach jedem Trend zu folgen, und sieht Fractional-Arbeit als einen unkomplizierten Weg in die Selbstständigkeit.
- Persönliche Netzwerke, finanzielle Rücklagen und kontinuierliches Lernen (z. B. Branding, Kurse) waren entscheidend für seinen erfolgreichen Wechsel.
- Seine Erfahrung, Produktivität über bloße Anwesenheit zu stellen, führte dazu, dass er sich voll auf das Fractional-Modell einließ.
- Um anderen zu helfen, gründete er den „Fractional Hub“ – eine kostenlose Community mit optionalen kostenpflichtigen Angeboten –, um Neueinsteigern Wissen und Unterstützung rund um Fractional-Arbeit zu bieten.
- Der Wert von Fractional-Arbeit [26:22]
- Michael berichtet von einem Beispiel für gegenseitige Unterstützung in Fractional Hub.
- Ein Mitglied hatte Schwierigkeiten mit einer technisch anspruchsvollen Kundin, was zu Problemen mit Umfang und Preisgestaltung führte.
- Sie fragte nach Ratschlägen, wie sie mit der Situation umgehen könne, da diese über die ursprünglichen Absprachen hinausging.
- Andere Mitglieder gaben Hinweise zu Warnsignalen und erläuterten verschiedene Möglichkeiten, entweder auszusteigen oder die Erwartungen zu managen.
- Der Austausch zeigte, wie wertvoll ein unterstützendes, kollaboratives Umfeld bei der Bewältigung von Kundenherausforderungen ist.
- Herausforderungen und Vorteile der Fractional-Arbeit [28:47]
- Remote-Unternehmen eignen sich am besten für Fractional-Arbeit, da sie Flexibilität und klare Wertschöpfung ermöglichen.
- Arbeitgeber sparen Kosten, weil sie nur für notwendige Arbeitstage zahlen. Fractional-Worker können hingegen effizienter mehr verdienen.
- Fractional Professionals gewinnen vielfältige Erfahrungen und bleiben flexibel, da sie mit verschiedenen Tools und Teams arbeiten.
- Bei traditionellen Vollzeitstellen besteht die Gefahr von Stillstand und der Wiederholung ineffizienter Praktiken.
- Hybride oder Präsenzmodelle erschweren das Management mehrerer Kunden und können mit den IR35-Regeln im Vereinigten Königreich kollidieren.
- Remote-Arbeit ermöglicht eine kontinuierliche und reibungslose Zusammenarbeit mit mehreren Kunden.
- Strategische Fractional-Rollen (z. B. Prozessdokumentation) lassen sich leichter mit begrenzten Vor-Ort-Kontakten vereinbaren.
- Remote-Arbeit und Unternehmenskultur [33:22]
- Die Übertragung von Wissen allein auf Einzelpersonen zu stützen ist fehleranfällig; eine starke interne Dokumentation und ein gutes Onboarding sind unerlässlich.
- Längerfristiges Wissen sollte regelmäßig dokumentiert werden und nicht von Personen abhängen, die das Unternehmen verlassen könnten.
- KI-Tools verbessern den Wissenstransfer bereits jetzt (z. B. durch automatische Notizen und die Integration in Plattformen wie Notion).
- KI-gestützte Dokumentation ist oft zuverlässiger und konsistenter als das menschliche Gedächtnis.
- Arbeitsplatzkultur bedeutet weniger Vergünstigungen als vielmehr Kommunikation, Vermeidung von Burnout und ein positives Miteinander.
- Remote-Arbeit zerstört nicht die Unternehmenskultur – schlechte Umsetzung tut es. Firmen müssen die Besonderheiten von Remote gezielt unterstützen.
- Investitionen in gelegentliche Team-Retreats vor Ort können eine stärkere Kultur schaffen als klassische Büro-Extras.
- Michael stellt fest, dass eine Gemeinschaft auch online entstehen kann, ganz ohne persönliche Treffen.
- Menschen können auch ohne physische Begegnung sinnvolle Beziehungen aufbauen und zur Kultur beitragen.
- Obwohl sich viele persönliche Events wünschen, fühlen sich viele in Online-Communities durch den virtuellen Austausch eng verbunden.
- Online-Kultur kann genauso stark oder sogar stärker sein als die Büro-Kultur, in der Menschen einfach für ihre Anwesenheit bezahlt werden, anstatt sich wirklich einzubringen.
- Die Fünf-Tage-Woche wurde ursprünglich von Henry Ford für Fabrikarbeiter eingeführt und ist heute womöglich kein produktives Modell mehr.
- Versuche mit der Viertagewoche haben positive Ergebnisse gezeigt – sie könnte also eine praktikable Alternative sein.
- KI und technologische Fortschritte machen Beschäftigte effizienter und stellen traditionelle Arbeitsstrukturen infrage.
- Das hohe Tempo des Wandels bedeutet, dass die Fünf-Tage-Woche in wenigen Jahren veraltet sein könnte.
- Portfolio-Karrieren gibt es bereits und sie werden weiter zunehmen – sogar unter Festangestellten.
- Vernetzung und das Pflegen eines Portfolios werden immer wichtiger, selbst wenn man derzeit in einer Festanstellung arbeitet.
Es ist nicht so, dass Remote-Arbeit nicht funktioniert; vielmehr wurde kein Aufwand betrieben, sie zum Funktionieren zu bringen. Das sind zwei verschiedene Dinge.
Michael Gold
- Personal Branding und Zeitmanagement [42:06]
- Das Management mehrerer Kunden führte zu Burnout, da es schwierig war, Termine in mehreren Kalendern zu koordinieren.
- Für Projektmanager können Zeitbegrenzung (Timeboxing) und klar definierte Verfügbarkeitsgrenzen helfen, Terminüberschneidungen zu verhindern.
- Freelancer sollten nicht aus Panik zu viele Aufträge annehmen, da dies zu Überlastung und Burnout führen kann.
- Trotz äußerem Druck und Marktbedingungen ist es wichtig, die Balance zu halten und Überforderung zu vermeiden.
- Personal Branding ist entscheidend, auch wenn es unangenehm erscheinen mag.
- Michael hat seinen Lebenslauf seit über 14 Monaten nicht mehr verwendet und verlässt sich bei Jobchancen auf sein LinkedIn-Profil.
- Unternehmen nehmen häufig direkt Kontakt mit ihm auf, nachdem sie sein Profil, seine Erfahrung und seine Beiträge gesehen haben.
- Der Einstellungsprozess ist oft informell mit schnellen Entscheidungen, die eher auf seiner Online-Präsenz als auf klassischen Background-Checks beruhen.
- Personal Branding hilft, den überlaufenen Recruiting-Prozess zu umgehen und führt zu direkten Jobmöglichkeiten.
- Branding kann sich unangenehm anfühlen, doch Beständigkeit ist der Schlüssel zum Aufbau einer Präsenz.
- Nicht jeder Beitrag erzielt gute Ergebnisse; die Resonanz variiert stark.
- Hohe Impressionen oder Interaktionen führen nicht automatisch zu beruflichen Vorteilen.
- Ein Beitrag mit wenig Engagement kann dennoch zu ungeahnten Möglichkeiten führen (z.B. Jobangeboten).
- Konzentriere dich darauf, regelmäßig Beiträge zu veröffentlichen, anstatt dich von Statistiken ablenken zu lassen.
- Sichtbarkeit ist wichtig, aber der spezifische Einfluss einzelner Beiträge ist schwer messbar.
- Effektives Networking ist ein langfristiges Spiel mit vielen Berührungspunkten (z.B. Beiträge, Likes, Kommentare).
- Menschen verfolgen dich vielleicht monatelang, ohne zu interagieren, merken sich aber trotzdem deine Präsenz.
- Wenn du deinen Namen immer wieder ins Gespräch bringst, steigen deine Chancen auf Kontakte und Möglichkeiten.
- Netzwerken erfordert keine ausgeklügelten Taktiken, sondern beständige Sichtbarkeit und Beteiligung.
- Erfolg beim Networking basiert häufig auf Beständigkeit und nicht auf sofortigen Ergebnissen.
Lernen Sie unseren Gast kennen
Michael Gold ist Fractional Project Manager und Gründer von The Fractional Hub, einer Plattform, die darauf abzielt, Fachkräfte dabei zu unterstützen, flexible und wirkungsvolle Karrieren durch Fractional Work zu gestalten. Mit mehr als zehn Jahren Erfahrung im Projektmanagement in Kreativagenturen und Beratungsfirmen wechselte Michael 2024 zum Fractional Work, um seine Karriere stärker auf Flexibilität und sinnvollen Einfluss auszurichten. Bei The Fractional Hub bietet er Ressourcen, Trainings und eine unterstützende Community, um anderen den Weg in die Fractional-Karriere zu erleichtern. Michael leitet außerdem Gold Project Management, wo er seine Expertise einsetzt, um Betriebsabläufe für Kunden zu optimieren und Effizienz zu steigern.

Für Projektmanager, speziell selbstständige Fractional-Fachkräfte, gilt: Wenn du dich auf den Strategie-Bereich konzentrierst, kannst du deine Arbeit unter Umständen zeitlich abgrenzen und deine Verfügbarkeit so anpassen, dass du dann erreichbar bist, wenn der Kunde einen Anruf braucht. Das ist eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt.
Michael Gold
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Lesen Sie das Transkript:
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Galen Low: Ihr ganzes Leben haben Sie für das Hamsterrad trainiert und kaum beginnt es, wird Ihnen klargemacht, dass das Ziel ist, so schnell wie möglich auszusteigen. Jetzt könnte Ihre Chance gekommen sein. Fractional-Remote-Jobs tauchen überall auf. Die Fesseln beruflicher Monogamie lockern sich. Sie könnten viele Arbeitgeber haben, Ihr eigener Chef sein und sinnlose Vorteile sowie das grundsätzlich transaktionale Misstrauen gegenüber Ihrer Produktivität hinter sich lassen.
Aber wie startet man überhaupt? Niemand hat Ihnen gezeigt, wie man selbstständig wird. Und was, wenn es schiefgeht? Wenn Sie sich mit dem Gedanken tragen, im Bereich Fractional Project Management zu arbeiten – als Praktiker:in oder als Arbeitgeber:in – hören Sie weiter zu. Wir sprechen heute mit jemandem, der das lebt, und besprechen, wie Sie die richtige Entscheidung für sich selbst treffen können.
Hallo zusammen, danke fürs Einschalten. Mein Name ist Galen Low von The Digital Project Manager. Wir sind eine Community digitaler Fachleute mit der Mission, uns gegenseitig zu befähigen, sicher zu fühlen und zu vernetzen, damit wir den Wert von Projektmanagement in der digitalen Welt verstärken können. Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, besuchen Sie thedpm.com/membership. Und wenn Sie an zukunftsorientierten Gesprächen und praxisnahen Einblicken rund um digitale Projektführung interessiert sind, abonnieren Sie die Show für wöchentliche Episoden.
Heute sprechen wir über Fractional Rollen im Projektmanagement und darüber, ob das Fractional-Modell genauso gängig werden könnte wie – oder vielleicht sogar die Vollzeitstellen in naher Zukunft ersetzt. Bei mir ist heute Michael Gold, Thought Leader im Bereich Fractional Project Management und Gründer von The Fractional Hub, einer Community für Fractional Professionals.
Michael, danke, dass du heute dabei bist.
Michael Gold: Vielen Dank, dass ich dabei sein darf. Ich sage das zu einigen Leuten – ich war schon bei diesem Podcast, den ich dir vorhin erwähnte.
Ich kann Monologe mit Blickkontakt schlichtweg nicht, daher Respekt – am Anfang ist das schwierig, aber du hast das super gemacht. Das ist echt eine Herausforderung.
Galen Low: Danke dir, danke. Glückwunsch auch an dich! Wir haben uns im „Green Room“ unterhalten – du hast gerade eine Premium-Stufe beim Fractional Hub eingeführt. Du warst lange wach und hast den Launch begleitet. Viele meiner Hörer:innen können sich in diese Situation gut hineinversetzen. Glückwunsch zum erfolgreichen Start und dass du es durchgezogen hast!
Michael Gold: Vielen Dank! Ich entschuldige mich im Voraus, falls deine Hörer es nicht merken, weil sie mich nicht kennen – aber ich war bis drei Uhr morgens wach, und man sieht es mir sicher an.
Ich werde versuchen, trotzdem etwas Kohärentes beizutragen.
Galen Low: Das macht dich nur noch sympathischer für diese Zielgruppe.
Wie ich auch zu dir sagte – dieses Konzept von Fractional Work ist eigentlich nicht neu, aber es kommt jetzt immer mehr in Gesprächen im Kontext des Projektmanagements auf. Viele Mitglieder meiner Community sprechen darüber, stellen Fragen dazu. Daher dachte ich, wir können einfach einsteigen. Ich habe eine vielschichtige Frage, die mir immer wieder in Gesprächen begegnet: Früher kannte ich „Fractional“ eher aus dem Executive-Bereich – also Fractional CFOs, Fractional CMOs, usw. Jetzt sehen wir das auch im Projektmanagement. Was bedeutet für dich eigentlich „Fractional“? Und wie unterscheidet es sich vom klassischen Teilzeitvertrag oder Freelancing – insbesondere im Projektmanagement?
Michael Gold: Spannende Frage. Und auch: Du kennst das Fractional-Konzept schon für CTOs – da bist du damit schon weit vorne. Vielleicht ist das im US-amerikanischen Kontext seit fünf Jahren Thema. In Großbritannien ist das für viele noch relativ neu, z.B. Fractional CTOs.
Unser Fractional Hub ist nicht ausschließlich für PMs, sondern allgemein für Fractional Professionals. Zur Frage: Im Projektmanagement sehe ich das ähnlich wie du – es ist oft auf Executive-Level, strategisch. Man kann das aber auch im PM-Bereich haben. Zum Beispiel wenn du für ein PMO Prozesse lösen sollst oder spezifischen Wert stiften und nicht bloß stundenweise Projekte abwickeln. Dann wird es differenzierter, und wir sehen ganz viele verschiedene Definitionen von „Fractional“.
Manche sehen „fractionally freelance“ als neues Konzept: Mehrere Teilzeitverträge parallel als freiberuflicher Aufgabenbereich, nicht auf Strategieebene, sondern klassische Teilzeitprojekte – aber eben flexibler als früher. Die meisten Vertrags-PMs arbeiten 99 % aller Verträge im Fünf-Tage-pro-Woche-Modell für drei Monate, um ein Projekt abzuwickeln.
Mit Remote Work können PMs heute für drei verschiedene Kund:innen gleichzeitig arbeiten – je 2–3 Stunden am Tag. Ich arbeite aktuell für 0,3 Kund:innen gleichzeitig, alle via Teams. Ich springe von Team zu Team, habe ein zentrales Postfach – es fühlt sich fast wie ein Kunde an, sind aber drei ganz verschiedene. Das ist die entscheidende Verschiebung: Fractionally Freelance nimmt Fahrt auf. Aber strategische PM-Rollen bleiben – man kann ein Transformationsprojekt leiten, ein–zweimal die Woche präsent sein, während andere PMs die Woche voll abdecken. Der Head of PMO muss nicht 40 Stunden vor Ort sein.
Galen Low: Ja, das ist die spannende Entwicklung. Im Executive-Bereich ist oft zu sehen: Leute gehen in Rente, machen aber noch etwas, weil sie es lieben oder nicht ganz loslassen können. Oder Firmen glauben nicht, dass sie einen CFO oder CMO in Vollzeit brauchen – sondern punktuell Expertise, den Blick von außen. Die Executive sagen dann: 40 Stunden wollte ich auch nicht arbeiten! Im Projektmanagement ergibt das Sinn. Gerade für Organisationen, die ein PMO aufbauen, aber nicht genug Arbeit für 40 Stunden haben. Sie können jemanden punktuell dazuholen – ohne Festanstellung und Mehrbelastung.
Genau dieser Mix ist für mich der „magische Punkt“: Fractionally Freelancing. Manche machen einfach Task Management, andere größere, strategische Aufgaben – fast wie Consultants. Aber für alles sagt man „Freelancer“. Es entsteht ein neues Verständnis des Begriffs.
Michael Gold: Und wie du sagst: Firmen können sich vielleicht keinen 40-Stunden-PM leisten – aber strategisch jemanden an wenigen Tagen holen, um Strukturen zu schaffen. Vielleicht will man keine:n Festangestellte:n, aber auch keine vollkommen freien PM aus dem Stand holen. Es macht also Sinn, zunächst eine:n strategische:n, fractional PM zu holen, um alles aufzusetzen, bevor man dauerhaft Freelancer engagiert.
Das alles klingt kompliziert, aber sobald man es durchdrungen hat, ergibt es Sinn. Die Fragen der Firmen sind dabei z.B.: Habe ich drei Projektmanager:innen und ein Zusatzprojekt – gebe ich es den Überlasteten und riskiere Produktivitätsverlust oder kann ich jetzt punktuell jemanden für einen Tag die Woche holen, der ansonsten für andere Kund:innen tätig ist? Remote macht es möglich, jeden Tag etwas beizutragen – also nicht Weeks of Silence wie früher.
Mit flexiblen Arbeitstagen lässt sich das inzwischen punktgenau abbilden. Am Monatsende zählt dann: Haben wir durch Michael für die acht gebuchten Tage wirklich Wert bekommen? Und das nimmt Firmen das Gefühl, kontrollieren zu müssen, ob auch wirklich gearbeitet wird. Effizienz wird belohnt, ohne Überbeanspruchung.
Galen Low: Genau, es geht um Wert: Bringt Michael für uns im Monat acht Tage Wert ein? Die reine Verteilung auf Tage/Zeiten ist zweitrangig – es zählt das Ergebnis. Das lässt sich auch gut in Unternehmen verkaufen.
Zurück zur Struktur: Wer ein PMO aufbauen will, sollte jemanden holen, der Strukturen etabliert – statt einfach eine:n Freelancer:in einzuwerfen. Es geht um mehr als nur „Katzen hüten“, sondern auch um strategischen Aufbau. Die Fractional-Szene ist voller erfahrener, kluger Expert:innen.
Michael Gold: Das ist entscheidend: Freelancer wird es immer geben, aber manche werden sich klar als Fractional-Expert:innen positionieren – stärker auf strategischer Ebene. Der Bedarf verschiebt sich von „Task-Based“ zu strategischeren Rollen. Menschen können sich ihre Nische schaffen – nicht mehr „Alleskönner“ sein müssen, sondern gezielt für Spezialthemen engagiert werden.
Gleichzeitig braucht es aber nach wie vor Generalisten – sie werden zu einer eigenen Nische werden. Aber im Moment ist Spezialisierung der Trend.
Galen Low: Und wie sieht die Zukunft aus? Wir schreiben April 2025. Wer durch LinkedIn scrollt, merkt: Das Vertrauen in die lebenslange Festanstellung schwindet. Das goldene Tablett und die Uhr zum Abschied – das sind Mythen. Die wirtschaftlichen Umstände und der technische Wandel durch KI zwingt Unternehmen, mehr mit weniger zu leisten. Weniger feste Jobs, mehr Kurzzeitverträge. Ist Fractional nur eine temporäre Antwort – oder ein Zukunftsmodell?
Michael Gold: Ich habe dazu viel gelesen: Bis 2027 arbeiten schätzungsweise 57 % der US-Belegschaft freiberuflich – und weltweit steigt der Anteil ebenfalls. Der durchschnittliche Aufenthalt in einem Job ist auf zwei Jahre gefallen – faktisch sind Festanstellungen nur längere Freelance-Verträge. Der Shift ist im vollen Gang. KI wird Effizienz weiter erhöhen. Immer mehr Spezialisierung, höhere Produktivität, und ein Rückgang klassischer Generalisten. Große Firmen wie EY und Deloitte bauen Fractional-Modelle gezielt aus. Jeder kann ein „Mikro-Business“ aufbauen; riesige Konzerne werden seltener gebraucht.
Galen Low: Das eröffnet tatsächlich vielen Menschen neue Chancen. Gerade junge Generationen wollen keine klassischen Festanstellungen mehr. Viele wagen den Sprung ins Fractional oder Freelancing, ohne sich als Entrepreneur zu sehen. Wie fängt man an? Welche Fähigkeiten, Ressourcen, Tipps braucht es, um in ein noch als „unkonventionell“ geltendes Modell zu starten?
Michael Gold: Sehr berechtigte Frage. Viele springen auf Trends auf, ohne sich auszukennen. Man sollte sich vorbereiten. Meine Geschichte: Ich war immer recht unternehmerisch eingestellt – das wurde mir aber eine Weile ausgeredet. Ich bin dann den Weg des geringsten Widerstands gegangen: Fractional ist eine Form des Unternehmertums ohne großes Risiko, keine riesige Investition. Ich habe mit Teilzeit, Freelancing und schließlich Fractional begonnen – Schritt für Schritt. Mein Netzwerk hat geholfen, und durch persönliche Weiterbildung (Kurse, Austausch, Branding) habe ich mich entwickelt.
Austausch und Community sind dabei entscheidend: Man lernt gemeinsam aus den Fehlern anderer, anstatt sie selbst zu machen. Genau darum habe ich The Fractional Hub gegründet: als offene Community mit Ressourcen und Kursen. Wer mehr will, kann sich intensiver engagieren, aber zum Start reicht oft schon der kostenlose Einstieg und Austausch.
Galen Low: Das ist spannend. Nicht alle sind geborene Unternehmer:innen, deshalb hilft gemeinsames Lernen in einer Community. Für Fractional-Arbeit braucht es Lernbereitschaft und die Fähigkeit, Fehler als Entwicklung zu akzeptieren. Je mehr Wissen geteilt wird, desto leichter fällt der Einstieg.
Michael Gold: Genau. Wir hatten heute z.B. einen Fall in der Community: Eine Frau hatte einen Kunden mit technischen Schwierigkeiten, dadurch wurde ihr Aufwand größer als vereinbart, was die Bezahlung erschwerte. Sofort kamen Rückmeldungen und Tipps von anderen – und diese gegenseitige Unterstützung ist unbezahlbar.
Galen Low: Situatives Wissen ist Gold wert, und Fractional-Arbeit kann auch einsam sein. Remote und Einzelunternehmer:innen sind kaum in Teams eingebunden – da hilft Gemeinschaft und Austausch.
Lass uns über den Nutzen für Firmen sprechen, die noch zögern, Fractional-Modelle einzubeziehen. Was sind die Vorteile und wo gibt es auch Herausforderungen?
Michael Gold: Es hängt davon ab: Remote oder nicht? Ich bin starker Verfechter für Remote. In diesem Modell gibt es wenig Nachteile: Unternehmen sparen Kosten und bekommen spezialisierte Kenntnisse. Ich lerne durch verschiedene Kund:innen kontinuierlich dazu – anders als in immer gleichen Strukturen. Mein „Best Practice“-Wissen wächst von Projekt zu Projekt.
Ist Präsenzpflicht, wird es schwieriger: Es lässt sich schwer parallel für verschiedene Kund:innen arbeiten, wenn alle eine Anwesenheit wünschen. Am effizientesten ist es, auf Remote zu setzen. Auf strategischer Ebene (z.B. Prozessdokumentation) lassen sich Hybridlösungen finden, wenn die Aufgaben klar abgegrenzt sind.
Galen Low: Lass uns kurz zum Thema Wissensmanagement und Kultur kommen. Ein häufiges Gegenargument ist, dass institutionelles Wissen und Firmenkultur verloren gehen, wenn alle fractional und für verschiedene Firmen arbeiten. Wie hält man Wissen im Unternehmen, wenn viele fractional unterwegs sind?
Michael Gold: Mein Standpunkt ist: Wenn Unternehmen darauf angewiesen sind, dass Einzelpersonen ihr Wissen im Kopf behalten, ist schon vorher etwas falsch. Prozesse, Dokumentation und Onboarding sind hier entscheidend – nicht, wie lange jemand angestellt ist oder wie loyal. Künstliche Intelligenz (AI), etwa zur Notizerstellung und Dokumentation, ist mittlerweile der beste „Träger“ von Wissen. Das geht weit über die Wissensweitergabe von Einzelpersonen hinaus.
Was die Kultur angeht: Für viele – besonders die Jüngeren – spielt klassische Unternehmenskultur keine große Rolle mehr. Gute Zusammenarbeit, klare Strukturen, wenig Überlastung – das prägt die Kultur. Remote bedeutet nicht automatisch den Verlust von Kultur, sondern verlangt einen gezielten Neuaufbau. Statt Budgets für Büros sollte man vielleicht lieber ein Offsite-Event auf Mallorca veranstalten. Das kann ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl schaffen als Pizza und Tischkicker im Büro.
Galen Low: Wir begehen den Fehler, analoge Modelle 1:1 ins Digitale übertragen zu wollen, etwa indem wir einen virtuellen Messestand wie den echten nachbauen. Aber digital heißt neue Erfahrung, genauso wie Remote-Arbeit neue Arten der Kultur- und Wissenspflege braucht. Firmen mit transparenter Kommunikation, offener Dokumentation und regelmäßigen Community-Events können auch remote großartige Kultur aufbauen.
Michael Gold: Genau, wir beide betreiben Communities, die vollständig digital funktionieren – und der Zusammenhalt ist da. Es mag den Austausch vor Ort nicht ersetzen, aber echte Gemeinschaft entsteht trotzdem. Der Mythos, dass Kultur ohne physische Präsenz nicht funktioniert, ist widerlegt.
Galen Low: Das ist der rote Faden: Offen zu sein für Neues – nicht aus Prinzip Altes bewahren und institutionalisieren. Viele Modelle stammen zum Beispiel noch aus Zeiten von Henry Ford – etwa die 5-Tage-Woche für Fabrikarbeit, die dann einfach übernommen wurde. Schon heute zeigen Studien, dass z.B. 4-Tage-Wochen produktiver sein können. Mit KI wird dieser Wandel noch rasanter gehen. Portfolio-Karrieren sind kein Trend, sondern die Zukunft, und auch jetzt schon indirekt Standard. Networking und Sichtbarkeit sind für alle wichtig, auch für Festangestellte.
Galen Low: Noch eine abschließende Frage: Welche Lektion hast du auf die harte Tour gelernt, die du anderen Fractional-Einsteiger:innen mitgeben würdest?
Michael Gold: Nummer Eins war für mich: Kapazitäts- und Zeitmanagement, besonders wenn man mehrere Kund:innen hat. Dazu nutze ich Tools wie One Cal, die mehrere Kalender bidirektional synchronisieren. Das schützt vor Überlastung und Kalenderchaos – und hat mir persönlich das Arbeiten mit vier bis fünf Kund:innen enorm erleichtert.
Zweitens: Nicht aus Panik jeden Auftrag annehmen. Ich hatte Stellen, an denen ich neun Tage Arbeit pro Woche aufgestapelt hatte – das ist nicht sinnvoll und führt unweigerlich zu Überarbeitung.
Galen Low: Zeitmanagement wird oft unterschätzt, ist aber absolut entscheidend, um Überlastung zu verhindern.
Michael Gold: Dritter Punkt: Personal Branding ist unverzichtbar. Ich habe seit über einem Jahr keinen klassischen Lebenslauf mehr verschickt. Die Jobanfragen kommen über LinkedIn und mein Profil – es geht um Netzwerk und Auffindbarkeit, nicht um Bewerbungsunterlagen. Self-Marketing muss man lernen und aushalten, auch wenn es ungewohnt ist.
Galen Low: Es ist ein asynchrones Vorstellungsgespräch – der Kontakt entsteht über Zeit hinweg, nicht in einer Stunde. Sichtbarkeit ist ein Prozess, dessen Wirkung man nicht messen kann – manchmal löst ein Post mit hunderten Reaktionen nichts aus, aber ein Kommentar in einem kleinen Beitrag bringt ein Jobangebot. Es ist ein Langstreckenspiel.
Michael Gold: Genau. Es geht um Wiederholung und Präsenz. Viele merken sich Namen über Monate, und dann kommt plötzlich die Anfrage. Konsistenz und Geduld zahlen sich aus.
Galen Low: Das Menschliche entscheidet. Es muss nur bei einer Person klick machen. Statistiken sind hilfreich, aber am Ende zählt die passende Verbindung.
Michael Gold: Wer ist Ihre Zielgruppe? Wichtiger als Reichweite ist, dass Sie für die richtigen Leute sichtbar sind. Netzwerken ist entscheidend. Es wirkt vielleicht zufällig, aber mit Präsenz und Wiederholung kommt irgendwann die richtige Anfrage.
Galen Low: Sehr spannende Einblicke. Michael, herzlichen Glückwunsch erneut zum erfolgreichen Launch von The Fractional Hub. Wo findet man mehr zu dir?
Michael Gold: Die Website ist thefractionalhub.com – sehr einfach. Und auf LinkedIn bin ich unter LinkedIn/fractionalMichaelGold zu finden.
Galen Low: Wunderbar, ich verlinke das auch in den Shownotes. Vielen Dank nochmal für deinen Besuch im Podcast. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen.
Michael Gold: Sehr gerne, hat Spaß gemacht.
Galen Low: Und für alle Zuhörer:innen: Wenn Sie Teil unserer über tausend Mitglieder starken Community für Projektmanagement werden möchten, besuchen Sie thedpm.com/membership. Gefällt Ihnen die Folge? Dann abonnieren Sie uns auf thedigitalprojectmanager.com. Bis zum nächsten Mal – danke fürs Zuhören.
