KI hat das Potenzial, das Gesundheitswesen zu revolutionieren – aber es geht nicht nur um smarte Algorithmen oder automatisierte Diagnosen. Es geht darum, Vertrauen in Umgebungen zu schaffen, in denen viel auf dem Spiel steht und Menschenleben betroffen sind. Galen spricht mit David Doan, Director bei Kyndryl und ehemaliger Krankenpfleger, darüber, wie Verantwortliche die klinischen, technologischen und ethischen Herausforderungen bei der Implementierung von KI im Gesundheitswesen meistern können.
Von der Bewahrung menschlicher Urteilsfähigkeit und zwischenmenschlicher Beziehung bis hin zur Abstimmung von Aufsichtsbehörden, Führungskräften und medizinischem Personal – dieses Gespräch beleuchtet die Realität der KI-gestützten Gesundheitsversorgung und was Projektleitende tun können, damit sie tatsächlich funktioniert.
Das lernen Sie
- Die zentralen Ängste von Klinikpersonal in Bezug auf KI – Verlust von menschlicher Nähe, Schwächung der klinischen Urteilskraft und Verantwortlichkeit
- Was die besonderen „Stakes“ bei KI im Gesundheitswesen sind (Patientenergebnisse, Fairness, Adoptionsrisiko)
- Wie Vertrauen geschaffen wird (Erklärbarkeit, inklusive Gestaltung, Governance, Storytelling)
- Die sich entwickelnde Rolle von Projektleitenden als Übersetzer, Risikoträger und Outcome-Architekten
- Wie Nicht-Kliniker glaubwürdig Projekte im Gesundheitswesen unterstützen können – mit Demut, Neugier und Fachkenntnis
Wichtige Erkenntnisse
- Die menschliche Verbindung im Mittelpunkt behalten. KI sollte die Entscheidungsfindung der Fachkräfte unterstützen, nicht ersetzen. Technik muss sich in die Versorgung einfügen, nicht sie überlagern.
- Die Rolle des Übersetzers einnehmen. Klinikpersonal, Technikteams, Geschäftsleitung und Patienten sprechen unterschiedliche Sprachen. Projektleitende helfen beim gegenseitigen Verständnis.
- Nutzer früh einbinden. Nicht im Elfenbeinturm entwickeln. Beziehen Sie reale Nutzer – wie Pflegekräfte und Ärzt:innen – von Anfang an in Design und Tests ein.
- Leitplanken setzen, nicht nur Ziele. Ethik, Datenschutz und Fairness sind kein Zusatz. Sie müssen von Beginn an in das Projekt eingebaut sein.
- Auf echte Ergebnisse konzentrieren. Nicht nach dem Launch aufhören. Feedback einholen und messen, wie Ihr Projekt tatsächlich hilft.
Kapitel
- [00:00] Einführung & Gäste-Bio
- [04:00] Befürchtungen des Klinikpersonals bzgl. KI
- [09:30] Warum KI-Akzeptanz im Gesundheitswesen zählt
- [14:00] Hürden: Arbeitsabläufe, Bias, Infrastruktur
- [18:30] Ökosystem aus Stakeholdern & Vertrauen
- [23:30] Rolle der Projektleitenden in KI-Gesundheitsprojekten
- [30:00] Entwicklung vom PM zur strategischen Einflussnahme
- [34:10] Wie gelingt der Quereinstieg in Gesundheitsprojekte
- [38:30] Nachprojekt-Reflektion & Iteration
- [46:30] Schnelle Fragerunde & Schlussgedanken
Unser Gast

David Doan ist Director und Consult Partner für Gesundheitswesen und öffentliche Hand bei Kyndryl und bringt über 30 Jahre Erfahrung in der Beratung und Strategie für Gesundheitstechnologien mit. Zuvor bekleidete er leitende Positionen im Gesundheitsbereich bei Unternehmen wie EY, Accenture und McKesson, mit Fokus auf digitale Transformation, Versorgungsmodelle, Risikomanagement und ACO (Accountable Care Organization)-Implementierung sowie strategische Partnerschaften. Bei Kyndryl bringt David seine fundierte Expertise ein, um Kunden aus dem öffentlichen Sektor und dem Gesundheitswesen bei der Modernisierung ihrer Systeme, der Verbesserung von Patientenergebnissen und dem Aufbau sicherer, widerstandsfähiger Infrastrukturen zu unterstützen.
Ressourcen aus dieser Folge:
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Galen Low: Welche Rolle spielen Projektleiter beim Aufbau von Vertrauen in KI-Gesundheitsprojekten?
David Doan: Projektmanager sind nicht nur Aufgabenverwalter. Sie sollten ein KI-Projekt nicht nur als technische Lieferung betrachten, sondern als eine menschenzentrierte Veränderung. Es geht darum, Technologie zu integrieren und – wie ich es nenne – das KI-Projekt zu humanisieren.
Galen Low: Warum ist es so wichtig, dass das Gesundheitswesen Wege findet, KI zu übernehmen?
David Doan: Was letztlich auf dem Spiel steht, ist mehr als Effizienz und Effektivität. Es hat direkte Auswirkungen auf die Patientenversorgung. Wenn die Einführung scheitert, besteht das ernsthafte Risiko, dass Patienten potenzielle lebensrettende Interventionen verpassen. Es kann zu Fehldiagnosen kommen, wenn prädiktive Modelle keinen Sinn ergeben – insbesondere wenn KI-Modelle auf unvollständigen Daten trainiert werden. Dadurch könnten marginalisierte Bevölkerungsgruppen schlechtere Gesundheitsresultate erleiden.
Galen Low: Das Gesundheitswesen ist so interessant, weil dort Rigorosität die Norm ist. Es gibt viele Stakeholder mit unterschiedlichen Perspektiven, und deshalb ist die Implementierung von KI dort eines der komplexesten Spiele, um bessere Ergebnisse für Menschen zu schaffen.
Willkommen beim Podcast „Der Digitale Projektmanager“ – die Show, die Führungskräften im Projektmanagement hilft, klüger zu arbeiten, schneller zu liefern und besser zu führen im Zeitalter der KI. Ich bin Galen, und jede Woche tauchen wir ein in praxisnahe Strategien, neue Tools, bewährte Frameworks und gelegentliche „War Stories“ direkt von der Projektfront. Ob du riesige Transformationsprojekte leitest, KI-Workflows zähmst oder einfach nur das Chaos in den Griff bekommen willst: Du bist hier richtig. Los geht's.
Heute sprechen wir über das enorme Potenzial von KI im Gesundheitswesen – und was Projektleiter tun können, um Vertrauen zu schaffen, Risiken zu adressieren, Ethik zu fördern und letztlich positive Patientenergebnisse durch KI-gestützte Gesundheitsprojekte zu erzielen.
Mein heutiger Gast ist David Doan, Director und Consult Partner für Gesundheitswesen & Regierung bei Kyndryl. David ist Technologie- und Business-Transformationsleiter im Gesundheitswesen mit über 30 Jahren Erfahrung in Klinik und Beratung. Er begann seine Karriere zehn Jahre lang als examinierter Krankenpfleger und wechselte dann zu Beratungsunternehmen wie McKesson, Accenture, Ernst & Young. Heute arbeitet er mit Führungskräften auf C-Ebene und IT-Verantwortlichen zusammen, um strategische digitale Transformation, KI-Innovation und Value-Based Care-Initiativen bei Kyndryl voranzutreiben.
Darüber hinaus ist David Präsident des PMI-Los Angeles Chapters, Mitglied des Vorstands von fünf weiteren gemeinnützigen Organisationen, Mentor der Asian American Professional Association – und das ist nur die Hälfte seiner Auszeichnungen und Erfolge.
Sehr beeindruckend, David. Danke, dass du in der Sendung bist.
David Doan: Sehr gerne, Galen. Absolut.
Galen Low: Wir sind in unserer Vorbereitung hin und her gesprungen und haben viele Themen gestreift. In dieser Episode hoffe ich, dass wir die Begeisterung und auch die Ängste rund um KI-gestützte Patientenversorgung abdecken können – und wie man beides adressiert. Was steht für unsere Branche auf dem Spiel, wenn wir KI nicht richtig einsetzen?
Wie ein Vertrauensrahmen Projektleitern hilft, unterschiedliche Stakeholder zu vereinen. Und wie auch Branchenfremde ohne direkte Gesundheitswesenerfahrung in diesen Bereich einsteigen können – und umgekehrt. Wie klingt das?
David Doan: Großartig. Spannende Themen, tolle Fragen. Ich habe einiges zu tun, aber ich denke, ich kann einen Einblick geben. Tolle Diskussion.
Galen Low: Was ich über dich gelernt habe: Du bist schnell im Denken und kennst dich aus. Ich werde dich fordern! Wir haben hier die Tradition, mit der großen Frage zu starten, und daraus dann die Details aufzubauen.
Die große Frage: Was ist die größte Angst von Ärzten und medizinischen Fachkräften, wenn es darum geht, KI in die Versorgung zu bringen?
David Doan: Gute Frage. Ich fasse es zusammen in zwei Themen: Die eine Angst ist, die menschliche Verbindung und das eigene Urteil zu verlieren.
Darauf bin ich schon eingegangen. Die zweite Angst ist das Thema Verantwortung. Ich habe meine Karriere als Krankenschwester begonnen – damals noch ohne elektronische Patientenakten. Mit der Technik, sogar bei der Medikamentenausgabe über die Pyxis-Maschine, war immer die Angst da: Wie wird uns das vom Patienten entkoppeln?
KI ist ein weiteres Beispiel für fortschrittliche Technik, die das tun kann. Nehmen wir ein Beispiel: Es gibt heute KI-Tools, die z. B. Röntgenaufnahmen oder PET-Scans auswerten. Da entsteht die Angst, nicht mehr fühlen, berühren, mit den Patienten sprechen und das eigene Urteil einbringen zu können – diese menschliche Verbindung zu verlieren. Medizin und Pflege sind sicher auch Wissenschaft, aber viel Kunst, und es braucht dafür klinische und nichtklinische Daten – und letztlich klinisches Urteilsvermögen. Das unterscheidet klinisches von nichtklinischem Personal. Verantwortungsgefühl kommt hinzu, und die Lizenz verlangt verantwortliches Handeln.
Deshalb besteht die Sorge, dass KI Gespräche und Dialoge mit Patienten ersetzt – sogar beim Arztbesuch oder in der Telemedizin. Sie befürchten, ihr Urteil nicht mehr einbringen zu können. Technologie muss das berücksichtigen, sie muss mit den Kliniker*innen kollaborativ entwickelt werden. Algorithmen, die Vorhersagen ausgeben, müssen sicherstellen, dass die Daten am Point-of-Care sinnvoll und vertrauenswürdig sind – und trotzdem den Raum lassen für das Urteil und Vertrauen der Klinikexpert*innen, um die Beziehung zwischen Behandelndem und Patient*in zu schützen und Entscheidungen fundiert treffen zu können.
Auch das Thema Verantwortung ist wichtig, denn in der Medizin gilt das Prinzip: „Nicht schaden!“. Wir müssen sichergehen, dass KI-Modelle funktionieren und Empfehlungen liefern, die evidenzbasiert und mit den Leitlinien renommierter Organisationen übereinstimmen. Die entscheidende Frage: Bleibt die Letztverantwortung bei den Behandelnden? Das muss so sein! Außerdem ist Sorgfalt nötig, damit kein falsches Vertrauen in fehlerhafte Daten entsteht.
Das auszudiskutieren ist vielleicht langatmig, aber auf den Punkt gebracht: Es geht um (1) die Bewahrung menschlicher Beziehungen und klinischen Urteilsvermögens und (2) das Thema Verantwortung – sowohl auf Seite der Klinik als auch der Technik.
Galen Low: Das gefällt mir – auch, wie du es als Kombination aus Kunst und Wissenschaft beschreibst. Informationstechnisch mag man meinen, man könne das gesamte medizinische Wissen hochladen, aber du hast auch gezeigt, dass Veränderungen im Gesundheitswesen schon vorher disruptiv waren. E-Rezepte, Telemedizin, elektronische Patientenakten… dabei ging und geht es immer auch um Vertrauen und Vorsicht, weil Fehler eben nicht akzeptabel sind – 90 % reichen nicht.
Vor allem die Frage der Konsistenz, du hast „Konsistenz“ angesprochen – bei KI sprechen wir oft von Halluzinationen, also unstimmigen, wechselnden Antworten. Im Gesundheitswesen muss das anders, fehlerfrei laufen, da geht es um Menschen.
Wir haben nun viel über Verantwortung, Vertrauen und das Patientenerlebnis gesprochen, und dass Technologie zu Recht einen wichtigen Platz im Gesundheitswesen hat. KI scheint in mancher Hinsicht besonders – oder vielleicht doch nicht so? Warum ist es letztlich so wichtig, dass das Gesundheitswesen Wege findet, KI einzusetzen? Was steht auf dem Spiel? Und welches ist das größte Hindernis für KI-Adoption im Gesundheitswesen?
David Doan: Letztlich geht es um viel mehr als nur Effizienz und Effektivität, wie beispielsweise Ärzte mit Patient*innen und Teams arbeiten. Es betrifft das Gesamtergebnis und die Folgen für die Gesundheit auf individueller und Bevölkerungsebene. KI kann große Datenmengen – klinische, administrative, öffentliche – nutzen, um Patientengruppen zu identifizieren und frühzeitig zu intervenieren. Werden diese Möglichkeiten nicht genutzt, werden Patienten nicht optimal betreut und lebensrettende Interventionen verpasst. Es entstehen Risiken, z. B. Fehldiagnosen durch fehlerhafte Modelle.
Besonders in ländlichen Gebieten, wo die Technik nicht immer verfügbar ist, stellen auch Infrastrukturprobleme Hindernisse dar – 5G, Internetzugang etc. Und wenn wir über gesundheitliche Gerechtigkeit sprechen: Wie sollen Menschen mit geringeren Sprachkenntnissen, eingeschränkter Beweglichkeit, Bildungsgrad oder im fortgeschrittenen Alter Telemedizin nutzen?
Der größte Hemmschuh ist das fehlende Vertrauen der Behandelnden und Empfänger*innen von Versorgung – aber auch die technische Integration: Die KI muss Teil des natürlichen Workflows werden, sonst wird sie nicht genutzt. Jeder Zusatzaufwand schmälert die Akzeptanz. Schließlich gibt es auch das Thema Bias: Werden Modelle mit unvollständigen oder verzerrten Daten trainiert, besteht vor allem für marginalisierte Gruppen die Gefahr, dass sie schlechtere Ergebnisse erhalten.
Galen Low: Ich finde vor allem die Aspekte Patient*innen- und Anwendererlebnis spannend. Mein Hintergrund liegt im nutzerzentrierten Design: Digitale Lösungen helfen nur weiter, wenn sie wirklich in den Arbeitsalltag passen und keine zusätzlichen Barrieren aufbauen. Aus deiner Erfahrung als Krankenpfleger kann man viel lernen: Zeitersparnis durch Automatisierung muss Behandelnden wieder Zeit beim Patienten verschaffen, ohne neue Hürden. Und das Thema Gesundheitlicher Chancengleichheit ist ein Riesenthema. Viele Menschen in ländlichen Regionen, ältere Menschen, all die, die nicht in großen Städten wohnen – sie werden oft vergessen, wenn von Innovationen gesprochen wird.
KI kann oft neue Möglichkeiten schaffen, z.B. durch Prävention und vorausschauende Analytik, aber auch Risiken: Wer keinen Zugang oder keine Kenntnisse hat, bleibt schnell außen vor. Das ist eine Herausforderung für alle Beteiligten. Im Gegensatz zu vielen anderen Branchen betrifft Gesundheitsversorgung alle Menschen, bevölkerungsübergreifend – ein zentrales Thema, das uns alle angeht.
David Doan: Absolut.
Galen Low: Das Besondere ist: Es geht um Patientengesundheit, Prävention, Population Health – und so weiter. Prädiktive Analysen sind aus anderen Branchen bekannt, können aber für die Früherkennung und Unterstützung genutzt werden. Es geht auch um Systembelastungen und Kosten: Präventive Interventionen kosten oft weniger als spätere, aufwendigere Behandlungen. Du bist eine Person, die alle Ebenen kennt – als Krankenschwester, Berater, Working with C-Levels – wie kann Vertrauen zu KI zwischen Patient*innen, Behandelnden, Regulatoren und Führungskräften aufgebaut werden? Wie lassen sich all diese Perspektiven miteinander vereinen?
David Doan: Du bringst mich ins Schwitzen, Galen. Aber gerne beantworte ich die schwere Frage. Es geht um ein ganzes „Ökosystem“ im Gesundheitswesen – das umfasst oft unsichtbare Menschen, z. B. Regulatoren, Zertifizierungsstellen wie CMS oder CDC. Ziel ist immer: Sicherheit und Qualität unabhängig von der eingesetzten Technik.
Patient*innen wollen Sicherheit und das Gefühl, dass Ärzte ihre Kultur, Sprache und Ernährungspräferenzen kennen und berücksichtigen. Ärzt*innen wollen Evidenz: Peer-Review, keinesfalls nur den Ratschlag von CIOs oder Chief Digital Officers. Sie möchten Studienergebnisse, keine Blogs. Das dauert aber und erfordert Arbeit an der wissenschaftlichen Literatur.
Geschäftsführer denken leider oft in erster Linie an wirtschaftliche Aspekte – auch ein Krankenhaus ist ein Unternehmen. ROI ist wesentlich – Investitionen in Technik müssen sich lohnen.
Wie kann man darüber hinweg Vertrauen schaffen? Erstens: Erklärbarkeit. Die Daten müssen in verständlicher Sprache vermittelt werden. Techniker und Datenwissenschaftler müssen mit Behandelnden sprechen können, sie müssen die Problemstellungen und Chancen verstehen – und wie KI einen Mehrwert bringt. Je mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit, desto besser. Dann können alle Beteiligten Fragen stellen und sich beteiligen.
Zweitens: Inklusive Entwicklung. Die Stimmen aller Beteiligten sind wichtig – Patienten, Pflegekräfte, Ärzte, Therapeuten, Apotheker usw. Die Workflows unterscheiden sich je nach Rolle, daher sollten die Anforderungen für die verschiedenen Gruppen passend aufgenommen werden. Auch bei der Gestaltung der Module, Arbeitsbereiche etc. sollte Inklusion innerhalb des Change Managements und der Implementierung großgeschrieben werden.
Drittens: Governance. KI ohne solide Grundsätze, Richtlinien, Schutzmechanismen für Fairness, Neutralität, Datenschutz und Verantwortung wird nicht angenommen – das ist zwar vielleicht „langweilig“, aber notwendig.
Viertens: Kulturelles Storytelling. Warum tun wir das alles? Gute Beispiele: Technikteams, die Anforderungen sauber so aufnehmen, testen und umsetzen, dass sie verstehen, wie ihre Arbeit am Ende echten Patientennutzen stiftet. Dann sind Tech-Teams „Pflegende der Pflegenden“. So entsteht Vertrauen. Ohne Technikvertrauen fehlt Akzeptanz und damit Wirkung. Storytelling kann dieses Vertrauen fördern.
Galen Low: Das finde ich toll: Du beschreibst das als Ökosystem, und jeder schaut aus einer anderen Perspektive draauf – alles für einen Zweck, der zählt. Schön auch das Bild, dass das Produktteam oder Tech-Team „Pflegende der Pflegenden“ ist. Letzten Endes ist das ein gemeinsames Bild, das nur aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet wird. Die Finanzierung und Regulierung gehören ebenso dazu wie strenge Prüfungen (Peer-Review) statt Blogposts. Gerade Gesundheits- oder Mediziner*innen arbeiten nach dem Prinzip „Veröffentlichen im Journal“, bevor Ideen umgesetzt werden. Im Gesundheitswesen ist die Hürde viel höher als in anderen Branchen.
Wir sind uns sicher: Es wird auch in anderen Bereichen auf Governance, Datenqualität und Co. hinauslaufen. Der Gesundheitsbereich ist also ein interessanter Vorreiter – mit besonders vielen Stakeholdern und Perspektiven. Ein großartiges Framework!
Kann ich es auf Projektebene zurückbringen? Wir haben viel über Vertrauen gesprochen, besonders in KI-bezogenen Gesundheitsprojekten. Was ist die Rolle der Projektleitung? Liegt da Verantwortung für das Vertrauensmanagement? Welche Verantwortung haben Projektmanager wirklich in KI-Gesundheitsprojekten?
David Doan: Das ist eine Frage, die mir am Herzen liegt – auch wegen meiner Verbindung zum Projektmanagement. Als Präsident des PMI-Los Angeles-Kapitels bringe ich gerne Konzepte, Methoden und Frameworks ein.
Projektmanager orchestrieren Stakeholder und Projektteams – sie haben eine privilegierte, kritische Rolle und sehen alle Blickwinkel. Projektleiter müssen strategisch denken, Brücken schlagen, Kommunikation übersetzen und verschiedene Interessengruppen auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Sie müssen Risiken frühzeitig offenlegen, vorausschauend und transparent handeln und ein KI-Projekt immer als menschzentrierte Veränderung verstehen. Die Integration neuer Technik sollte dazu führen, dass Behandlungsteams mehr Zeit beim Patienten verbringen – mit dem Ziel, Ergebnisse zu verbessern.
Projektmanager sind heute keinesfalls mehr nur Taskmaster. Ihre Rolle als Visionäre und kritische Denker ist gefragt. Ein Beispiel: Der Präsident von PMI, Pierre Le Manh, und sein Team haben das Konzept PMI:Next eingeführt. Das bedeutet, dass es nicht mehr nur um Tools und Methoden geht, sondern auch um strategische Entwicklung, kontinuierliches Lernen, Kultur und Werte.
Das Framework dafür heißt MORE: Maximierung des Erfolgs nicht nur durch die klassischen Kriterien Zeit, Budget, Umfang, sondern tatsächliche Ergebnisse – z. B. gesündere Patienten, höhere Lebensqualität, Verhaltensänderung. Es geht um die Wirkung und die Möglichkeit, Communities zu stärken, die Stakeholder ein neues Niveau zu heben. Insbesondere im Gesundheitswesen – und mit KI – ist dieses Mindset entscheidend.
Galen Low: Toll, wie du die Rolle als Vermittler und Übersetzer beschreibst, und die Verbindung zur Erklärbarkeit. Die Menschlichkeit muss im Zentrum stehen.
Manche Kritiker sagen, PMI:Next solle jeden Projektleiter zum Strategen auf C-Ebene machen – das sei ein zu großer Sprung. Wie kann jemand, der eigentlich „nur“ noch Zeitplan und Budget verantwortet, auf die nächste Ebene kommen? Gibt es einen Weg, die Reise Richtung MORE-Framework und echten Outcome-Fokus zu gehen?
David Doan: Gute Frage. Es ist wie eine Reifekurve: Nach dem Uniabschluss (mit oder ohne MBA) müssen Projektmanager erstmal ihr Handwerk lernen: Methodik, egal ob PMI, Agile oder Scrum. Das dauert ein paar Jahre. Aber irgendwann kann man das „im Schlaf“. Dann ist es an der Zeit, sich neuen Herausforderungen zu stellen – z. B. Programm- oder Portfoliomanagement, breite Wirkung, schnellere Produkteinführung, bessere Outcomes.
Wir müssen für das, was wir erreichen, die Sprache des ROI sprechen – aus vielen Blickwinkeln, nicht nur im Sinne von Dollar oder Kostenreduktion. Wie beeinflusst unser Projekt das Leben von Patienten, Communities, marginalisierten Gruppen? Das braucht Offenheit, Mut und Haltung und sollte gezielt gefördert werden. Auch Führungskräfte und PMOs sind gefordert: Sie sollten Möglichkeiten, Trainings und Support bieten, um strategisches Denken zu fördern.
Ich glaube, Menschen möchten wissen: Wie wirkt meine Arbeit? Was hinterlasse ich? Die eigene Wirkung zu erkennen ist Motivation.
Galen Low: Das ist die klarste Antwort, die ich je erhalten habe! Die gute Nachricht: Viele tun das schon, ohne dass es so genannt wird. Eigentlich ist Projektmanagement längst mehr als Zeitplan und Budget – es geht um Menschen, Zusammenarbeit, Ergebnisorientierung. Der Weg geht nach oben, auch wenn offiziell spätestens als Senior-PM vermeintlich „Endstation“ ist. Gerade in Projekten mit gesellschaftlicher Wirkung kann aus dem eigenen Tun tatsächlich ein Vermächtnis (nicht zu hoch gegriffen!) entstehen.
David Doan: Mein Aufruf an alle Projektmanager: Wenn du ein KI-Projekt fürs Gesundheitswesen umgesetzt hast – gehst du danach nochmal zum Nutzer, fragst nach dessen Vertrauen und Erfahrungen? Hol dir Feedback, entdecke Verbesserungspotenzial – das ist in der Projektleitung noch zu selten der Fall. Wir feiern den abgeschlossenen Go-Live und hakeln den Erfolg ab, schauen aber selten zurück, um zu sehen, was die Menschen eigentlich brauchen würden.
Galen Low: Da bin ich auch schuldig. Im Agenturalltag war es normal: Projekt vorbei, weiter zum nächsten, ohne Rückschau. Viele erleben das so, gerade wenn die Leitung projektbezogen ist. Aber gerade im Gesundheitswesen – es ist so real, so lebendig, hat unmittelbare Auswirkungen. Da lohnt es sich, die Entwicklung weiter zu begleiten und auf Outcomes zu achten, Erfahrungen einzuholen und zu iterieren. Mich beeindruckt das sehr. Healthcare ist anspruchsvoll, aber spannend und sehr sinnvoll.
Viele (auch ich) haben keinen medizinischen Hintergrund, sondern kommen von der Agentur- oder Businessseite. Welche Kompetenzen sollte man aufbauen, um in der Healthcare-Branche Fuß zu fassen? Muss man Arzt oder Pflegekraft sein? Worauf sollte ich meinen Fokus legen?
David Doan: Absolut nein! Man muss keine medizinische Ausbildung haben, um im Gesundheitswesen Mehrwert zu stiften. Im Gegenteil: Neue, frische Perspektiven sind gefragt, das sorgt für inspirierenden Wissenstransfer zwischen Branchen. Die wichtigste Kompetenz: Projektmanagement. Mit entsprechender Zertifizierung kann man überall Projekte steuern. Noch wichtiger sind Führung, Kommunikation und Veränderungsfähigkeit.
Vor allem jüngere Generationen können punkten, wenn sie sich mit KI und Daten auskennen – Datenkompetenz wird immer wichtiger: Datenintegrität, Governance, Standardisierung, Datenmodellierung kann jeder lernen. Außerdem ist es wichtig, neugierig auf Regularien (Stichwort: HIPAA, CMS, FDA usw.) zu sein – auch Mediziner*innen lernen diese laufend hinzu.
Empathie ist ein weiterer Schlüssel: Fast jeder hat eine persönliche Geschichte rund um Gesundheitsversorgung und weiß, was besser laufen könnte. Echte Neugier, mitfühlendes Zuhören, die Fähigkeit, zwischen Technik, Data Science, Testung und Klinik zu vermitteln, prägen erfolgreiche Transformation. Wir brauchen Ingenieure, Finanzleute, Tester – wir leben von Vielfalt und Diversität im Denken und Handeln.
Galen Low: Ich liebe das, auch weil Empathie das verbindet: Fast jeder hat Berührungspunkte mit dem Gesundheitswesen. Und von diesen Erfahrungen aus kann eigene Neugierde und Wille zur Verbesserung entstehen – genau das brauchen wir.
David Doan: Sehr gut zusammengefasst, Galen.
Galen Low: Danke dir! Es war ein großartiges, sehr inspirierendes Gespräch. Ich lade dich gern wieder ein für ein Special zu messbaren Gesundheitsergebnissen.
Zum Abschluss: Möchtest du mir noch eine Frage stellen?
David Doan: Unbedingt! Ich möchte auch von dir lernen. Was siehst du als internationalen Trend in der Umsetzung digitaler Projekte – außerhalb der Gesundheitsbranche – das wir im Gesundheitswesen unbedingt übernehmen sollten? Was sind die wichtigsten Learnings für uns?
Galen Low: Vieles davon gibt es sicher schon im Gesundheitswesen, aber was ich als Trend sehe: Immer mehr Multidisziplinarität und „Hybridisierung“ von Rollen. Teams arbeiten abteilungsübergreifend: Der Business-Analyst ist zugleich Projektmanager; Account Manager und Business Development wachsen zusammen. Außerdem treten ungewöhnliche Berufsbilder hinzu: Linguisten arbeiten etwa bei Natural Language Processing-Projekten im Team. Je mehr unterschiedliche Blickwinkel und Kompetenzen vereint werden, desto innovativer und agiler werden wir. Man sollte daher nicht immer im klassischen Teamdenken verharren, sondern regelmäßig neue Impulse und Kompetenzen integrieren. Und letztlich werden wir mehr als „eine Rolle“ können müssen. Das kann als Chance gesehen werden – wir wachsen, arbeiten diverser und flexibler, nutzen Synergien und lernen voneinander.
David Doan: Sehr wertvoll, Galen – ich nehme das mit und kann das Gesundheitswesen nur ermutigen, genau solche Ansätze zu übernehmen. Danke für das Gespräch!
Galen Low: Auf jeden Fall.
David Doan: Es war eine große Freude, Gedanken auszutauschen – ich habe viel gelernt.
Galen Low: Das kann ich nur zurückgeben. Vielen Dank für deine Zeit!
Für alle Zuhörenden: Wo findet man mehr Informationen über dich, David?
David Doan: Ich bin recht aktiv auf LinkedIn und lade jeden gern ein, sich zu vernetzen. Seit kurzem schreibe ich einen LinkedIn-Blog, in dem ich meine vielfältigen Leidenschaften teile: Neben Technologie und Gesundheitswesen geht es mir auch um gesellschaftliche Chancengleichheit – nicht nur, weil es eines der fünf Ziele der modernen Medizin ist, sondern weil ich durch persönliche Erfahrungen dazu stehe. Ich nutze meinen Blog, um zu zeigen, dass Gesundheitstechnologie an den Bedürfnissen der Betroffenen ausgerichtet sein muss, und dass Strategie nicht technikgetrieben sein darf. Ich bin auch langjähriger Projektmanagement-Verfechter – deshalb engagiere ich mich für gemeinnützige Initiativen. Mein Ziel ist, Gemeinschaft zu stärken, zu geben und global zu vernetzen. Wer tiefer einsteigen will, findet meine Gedanken und Blogs auf LinkedIn.
Galen Low: Klasse, danke für den Hinweis auf deinen Blog – ich werde Links dazu in die Beschreibung des Podcasts geben.
David Doan: Vielen Dank, Galen, für das Gespräch.
Galen Low: Das war es mit dieser Folge des Podcasts „Der Digitale Projektmanager“. Wenn dir dieser Austausch gefallen hat, abonniere ihn gern überall, wo du Podcasts hörst. Und wenn du noch mehr praxisnahe Tipps, Fallstudien und Playbooks willst, schau auf thedigitalprojectmanager.com vorbei.
Bis zum nächsten Mal – danke fürs Zuhören.
