Öffentliches Reden wird oft als Bühnenkompetenz betrachtet – für Projektleiter ist es jedoch in Wirklichkeit eine Führungskompetenz. In dieser Folge spricht Galen Low mit der freiberuflichen Projektmanagerin, Beraterin und preisgekrönten Toastmasterin Megan Cotterman darüber, wie Kommunikation, Publikumswahrnehmung, aktives Zuhören und Anpassungsfähigkeit im Projektalltag zum Tragen kommen. Von Projekt-Kickoffs und Stakeholder-Updates bis hin zu schwierigen Gesprächen und Teamausrichtung – sie erklären, warum starke Kommunikationsfähigkeiten in einer von KI geprägten Welt immer wertvoller werden.
Sie gehen zudem auf praktische Möglichkeiten ein, wie introvertierte und ambivertierte Projektmanager Selbstvertrauen gewinnen, Resilienz entwickeln und ihre Fähigkeit stärken können, spontan zu agieren – ohne dabei zur lautesten Person im Raum zu werden.
Das lernen Sie
- Warum öffentliches Reden eine Führungsaufgabe und keine Performance ist
- Wie Kommunikationsfähigkeiten Vertrauen, Ausrichtung und Projektdynamik direkt beeinflussen
- Die Rolle der Publikumswahrnehmung für effektive Projektführung
- Warum aktives Zuhören genauso wichtig ist wie das Sprechen
- Wie introvertierte Projektmanager in Gruppensituationen Selbstbewusstsein aufbauen können
- Der Zusammenhang zwischen öffentlichem Reden, Resilienz und beruflichem Wachstum
- Wie KI den Wert menschlicher Kommunikationsfähigkeiten eher steigert als senkt
- Warum präzise, zielgerichtete Kommunikation zum Wettbewerbsvorteil wird
Wichtige Erkenntnisse
- Öffentliches Reden geht weit über die Bühne hinaus. Jeder Projektstart, jedes Stakeholder-Update, jedes Teamgespräch oder schwierige Gespräch ist eine Gelegenheit, durch Kommunikation zu führen.
- Wissen, wann ein Meeting nötig ist. Starke Kommunikatoren erkennen, wann schriftliche Kommunikation ausreicht – und wann eine Echtzeitdiskussion für die Ausrichtung wichtig ist.
- Projekt-Kickoffs dienen der gemeinsamen Ausrichtung, nicht nur der Informationsweitergabe. Ziel ist nicht nur die Weitergabe des Plans, sondern das Schaffen von gemeinsamem Verständnis, Vertrauen und Dynamik.
- Schlechte Nachrichten brauchen Klarheit und Empathie. Schwierige Updates selbstbewusst und transparent zu übermitteln, hilft Vertrauen zu erhalten – auch wenn die Nachricht unangenehm ist.
- Aktives Zuhören führt zu besseren Ergebnissen. Die Fähigkeit, die Botschaft je nach Reaktion des Gegenübers anzupassen, ist oft mehr wert als ein perfekt vorbereiteter Text.
- Man muss nicht immer alle Antworten haben. Manchmal ist die stärkste Antwort: „Lassen Sie mich darüber nachdenken und Ihnen eine Rückmeldung geben.“
- Selbstvertrauen kommt mit Wiederholung. Wie jede Projektmanagement-Fähigkeit verbessert sich Kommunikation durch Übung und Erfahrung.
- Wachstum beginnt außerhalb der Komfortzone. Öffentliches Reden fördert Resilienz – genau jene Resilienz, die gebraucht wird, um mit Ungewissheit, Veränderungen und Führungsherausforderungen umzugehen.
- KI erhöht den Anspruch an menschliche Fähigkeiten. Wenn Informationen leichter generierbar sind, wird die Fähigkeit, klar zu kommunizieren, Vertrauen zu schaffen und Verbindungen zu ermöglichen, noch wertvoller.
- Eine erfolgreiche Botschaft muss nicht wiederholt werden. Effektive Kommunikatoren wissen, wann der Punkt deutlich gemacht wurde und wann es Zeit ist, weiterzugehen.
Kapitel
- 00:00 — Warum öffentliches Reden wichtig ist
- 04:09 — Über die Bühne hinaus
- 06:20 — Kommunikation in der Praxis
- 11:07 — Vorteile des Kickoffs
- 15:38 — Schwierige Stakeholder-Gespräche
- 18:31 — Spontan reagieren
- 19:46 — Selbstvertrauen aufbauen
- 22:05 — Tipps für spontanes Sprechen
- 24:10 — Sie müssen nicht alle Antworten haben
- 25:39 — Introvertierte können ebenfalls führen
- 28:36 — Ein Toastmasters-Überblick
- 31:15 — Verborgene Vorteile
- 34:57 — KI und menschliche Fähigkeiten
- 39:23 — Frühzeitig das Wort ergreifen
- 42:46 — Wo Sie Megan finden
Unser Gast

Megan Cotterman ist die leitende Beraterin bei Managed By Megan. Sie unterstützt Organisationen dabei, die Projektdurchführung zu stärken, Abläufe zu optimieren und leistungsstarke Teams durch praxisorientierte Projektmanagement- und Führungsstrategien aufzubauen. Als zertifizierte Project Management Professional (PMP) bringt Megan umfassende Erfahrung in der Leitung funktionsübergreifender Initiativen mit, verbessert organisatorische Prozesse und hilft Unternehmen, komplexe Ziele in erreichbare Ergebnisse umzusetzen. Bekannt für ihren kooperativen und menschenzentrierten Ansatz, ist sie leidenschaftlich daran interessiert, Teams mit den Werkzeugen, Systemen und dem Selbstvertrauen auszustatten, die sie benötigen, um erfolgreich umzusetzen und nachhaltige Resultate zu erzielen.
Ressourcen aus dieser Episode:
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Galen Low: Heutzutage ist es angesagt zu sagen, dass Projektmanager:innen Führungspersönlichkeiten sind, die die mutigen Stimmen im Raum sein müssen, die das Ausgesprochene benennen und sich schwierigen Gesprächen stellen. Daher erscheinen Fähigkeiten im öffentlichen Sprechen wie eine Selbstverständlichkeit, aber die Realität ist, dass viele von uns in Wahrheit introvertiert sind.
Ich selbst war jemand, der Angst davor hatte, überhaupt das Telefon zu beantworten, geschweige denn eine Besprechung zu leiten oder einen Vortrag zu halten. Ehrlich gesagt hat es mich meine ganze Karriere gekostet, dieses Unwohlsein zu überwinden – nicht nur das Unbehagen, auf einer Bühne oder vor einer PowerPoint-Präsentation zu stehen, sondern die Unsicherheit, auf die Fragen oder Erwartungen einer Gruppe in Echtzeit reagieren zu können.
Das Unbehagen zu wissen, wann man aus einer ziellosen E-Mail-Kette ein Team-Meeting machen sollte. Das Unwohlsein, herauszufinden, wie man eine Botschaft präzise und empathisch übermittelt, und das Unbehagen, sich einer Herausforderung zu stellen und sie trotzdem anzunehmen. Gehören diese Dinge alle zur Kompetenz des öffentlichen Sprechens?
Mein heutiger Gast würde das bejahen. Ich habe heute ein beliebtes Mitglied unserer Digital-Projektmanagement-Community eingeladen, das zugleich preisgekrönte Rednerin und Toastmasterin ist. Gemeinsam entschlüsseln wir, wie sich Fähigkeiten im öffentlichen Sprechen auf die Rolle als Projektleitung übertragen lassen, wie man diese Fähigkeiten entwickelt, wenn man von Natur aus wenig mit dem Gedanken anfangen kann, öffentlich zu sprechen, und ob es überhaupt noch entscheidend ist, gut vor Menschen sprechen zu können, wenn wir zukünftig mehr mit KI-Kolleg:innen als mit menschlichen Teammitgliedern zusammenarbeiten.
Ich hoffe, Sie genießen die Folge.
Willkommen beim Digital Project Manager Podcast – der Show, die Führungs- und Umsetzungskräften zeigt, wie sie klüger arbeiten, reibungsloser liefern und ihre Teams mit Selbstvertrauen durchs KI-Zeitalter führen. Ich bin Galen, und jede Woche schauen wir uns praxisnahe Strategien, neue Trends, bewährte Methoden und hin und wieder eine Lektion aus dem Projektalltag an. Ob Sie riesige Transformationsprojekte steuern, KI-Workflows beherrschen oder einfach das Chaos in den Griff bekommen wollen – Sie sind hier richtig! Los geht’s.
Heute sprechen wir darüber, inwiefern Kompetenzen im öffentlichen Sprechen als Geheimwaffe dienen, um strategische Karrieremöglichkeiten für Projektleiter:innen zu erschließen. Wir beleuchten weniger offensichtliche Projektsituationen, in denen diese Fähigkeiten einen Unterschied ausmachen, erklären, wie KI Sie bei der Verbesserung Ihrer Kommunikationsfähigkeiten unterstützen kann, und untersuchen, ob öffentliches Sprechen nicht noch viel mehr bewirkt, als nur ein:e gute:r Redner:in zu sein.
Mit dabei ist heute Megan Cotterman, Interims-Projektmanagerin und Beraterin bei Managed By Megan. Megan arbeitet an der Schnittstelle von Ausführung und Führung, um wachsenden Unternehmen durch flexible Projektsteuerung, operative Strategie und Teamcoaching Struktur, Führung und Dynamik zu verleihen.
Sie ist außerdem preisgekrönte Rednerin und Moderatorin, die offen ihr Wissen über Workflow-Optimierung, menschenzentrierte Projektführung und das Navigieren komplexer Veränderungen teilt und Führungskräften die Werkzeuge an die Hand gibt, um selbstbewusst Entscheidungen zu treffen.
Megan, danke, dass du heute bei mir bist.
Megan Cotterman: Danke für die Einladung, Galen. Ich freue mich sehr, hier zu sein.
Galen Low: Ich bin gespannt aufs Gespräch. Es ist ein Thema, das mir am Herzen liegt. Das sage ich zu vielen Themen, aber bei diesem stimmt es ganz besonders. Beim Thema öffentliches Sprechen hoffe ich, dass wir viele spannende Aspekte beleuchten. Ich weiß, du und ich können da tief einsteigen und ich glaube, unsere Zuhörer:innen werden das spannend finden.
Um uns daran entlangzuhangeln, habe ich für heute eine kleine Roadmap vorbereitet. Zunächst möchte ich dir eine große, zentrale Frage stellen – meine Zuhörer:innen sind gespannt auf deine Sichtweise. Dann möchte ich drei Themen aufdröseln: Erstens, warum öffentliches Sprechen gerade für Projektleiter:innen immer relevanter wird und in welchen Projektsituationen diese Fähigkeit einen echten Unterschied macht.
Dann hätte ich gern deine Meinung dazu, wie auch introvertierte oder ambivertierte Projektmanager:innen ihre Kompetenz im öffentlichen Sprechen entwickeln können – gerade, wenn sie nie dachten, dass sie jemals darin gut werden oder sich dafür interessieren würden. Und abschließend würde ich gern deine Einschätzung hören, wie sich die künftige Zusammenarbeit zwischen Menschen entwickelt und wie sich dabei der Wert des öffentlichen Sprechens wandeln könnte.
Wie klingt das für dich?
Megan Cotterman: Klingt super. Ich habe Lust drauf.
Galen Low: Dann steigen wir gleich mit einer großen, gewagten Frage ein, die sicher viele meiner Zuhörer:innen umtreibt, wenn es um öffentliches Sprechen geht – ich stelle sie mal aus dem Stand: Wenn heutzutage alle in ihre LLMs wie Claude und ChatGPT tippen und direkte Kommunikation mehr und mehr durch Slack oder Outlook-Nachrichten ersetzen: Warum bleibt öffentliches Sprechen trotzdem relevant für Projektleiter:innen?
Megan Cotterman: Ich denke, durch den Aufstieg von KI-Werkzeugen und die Verlagerung hin zu schriftlicher Kommunikation wird öffentliches Sprechen umso wichtiger, um sich als Projektleiter:in abzuheben. Wer nicht vom Fach ist, glaubt oft, dass wir nur Zeitpläne erstellen und Meetings organisieren.
Wir werden manchmal als Verwaltungskräfte gesehen. Doch echte Projektmanager:innen wissen, dass Projektmanagement vor allem Führung bedeutet – also Dynamik, Abstimmung und Vertrauen auf allen Ebenen herzustellen. Das schafft man schwer über Slack oder E-Mail. Wenn man „öffentliches Sprechen“ hört, denkt man meist an große Bühnen, Mikrofone oder an Tony Robbins bei TED Talks.
In Wirklichkeit geht es aber darum, sein Publikum zu verstehen, die Botschaft entsprechend anzupassen und seine Ideen klar und verständlich zu vermitteln – das ist in der Projektleitung entscheidend.
Galen Low: Das gefällt mir. Mir wird, während du das sagst, wieder klar – ich hatte die Frage ja um das Tippen in Chatbots herum gebaut, als wäre das ein Gegensatz zum öffentlichen Sprechen.
Du hast aber vollkommen recht, dass öffentliches Sprechen nicht unbedingt Bühnenpräsenz und Mikrofon bedeutet, sondern dass es vor allem darum geht, seine Gedanken klar zu formulieren. Ich finde spannend – und da können wir später gern noch darauf zurückkommen – dass wirklich Einfluss zu nehmen, über Text schwer fällt und die menschliche Interaktion gerade für Projektleitende wertvoll ist.
Aber lass uns das ruhig gleich vertiefen: Du hast selbst gesagt, öffentliches Sprechen ist nicht zwangsläufig das großes Bühnenprogramm mit Handbewegungen und Motivationsshow. Was genau verstehen wir eigentlich darunter? Und vielleicht kannst du Beispiele nennen, in denen diese Fähigkeiten für Projektleiter:innen besonders wichtig sind?
Megan Cotterman: Genau, um das nochmal zu betonen: Öffentliches Sprechen ist nicht nur das Reden vor großen Gruppen oder auf der Bühne. Ich bezeichne als öffentliches Sprechen jede Situation, in der du vor zwei oder mehr Menschen sprichst.
Auch das hier ist öffentliches Sprechen – es bedeutet, seine Stimme zu nutzen, um eine Botschaft zu vermitteln, ganz gleich, was man damit erreichen will. Im Projektmanagement kann das z.B. heißen, ein Team, das die Motivation verliert, wieder zu motivieren – das geht schwerlich über Slack oder Kommentare in Asana. Es gibt Projektsituationen, in denen Probleme oder Konflikte angesprochen werden müssen, die ein Gruppengespräch erfordern.
Auch Spannungen zwischen Stakeholder:innen oder Teammitgliedern: Per Slack ist es sehr schwierig, alle auf denselben Stand zu bringen – geschriebener Text wird leicht missverstanden. Wer in solchen Gruppensituationen souverän kommunizieren kann, wird nachhaltig positive Veränderungen im Projekt bewirken, weil er Menschen mitreißt und führt.
Galen Low: Gefällt mir, auch weil – darauf hast du schon hingewiesen – wir beim öffentlichen Sprechen meist an Reden, also an Sprechen im wörtlichen Sinn denken. Aber wie du beschreibst: Zu wissen, wann es angebracht ist, Menschen zusammenzubringen, damit wirklich alle im Bilde und abgestimmt sind, ist ebenso ein Teil davon. In meinen ersten Berufsjahren dachte ich oft, öffentliches Sprechen sei „gut reden können“, Bühnenpräsenz, an einem Pult stehen.
Ich habe nicht realisiert, dass die Fähigkeit, sein Publikum zu kennen, das nötige Gespür, selbst zu wissen, wann man diese Fähigkeiten einsetzen muss, dazugehört. Das ist ja ein wichtiger Teil davon.
Megan Cotterman: Absolut! Als ich am Anfang meiner Projektmanagement-Karriere stand, habe ich oft einfach Meetings einberufen und dann gemerkt, dass Leute dachten: „Warum bin ich hier? Was wollen wir erreichen?“ Es geht also darum, genau zu überlegen, wann und weshalb ein Meeting sinnvoll ist und was man mit diesem Austausch erreichen will. Das hilft Teams auch dabei, zu verstehen, dass Meetings mit Absicht und Ziel stattfinden – und nicht nur einfach des Meetings wegen. Es gehört ebenso dazu, zu erkennen, was in schriftlicher Kommunikation besser aufgehoben ist und wann es ein Gruppengespräch braucht, in dem Kommunikationskompetenz gefragt ist.
Galen Low: Genau das. Es geht darum, den richtigen Kommunikationskanal zu wählen und zu erkennen, wann ein Treffen eine E-Mail sein sollte – und umgekehrt. Auch beim Führen eines Slack-Chats mit mehreren Menschen helfen Fähigkeiten des öffentlichen Sprechens. Wenn du merkst, dass Motivation oder Problemlösung in Echtzeit fehlen, wechselst du von einer zu einer anderen „öffentlichen Sprechsituation“ – in dem Wissen, dass manche Wege effizienter sind.
So wie Speaker auf der Bühne manchmal mitten im Vortrag ins Publikum gehen, um mehr Resonanz zu erzeugen und ihre Message anders zu platzieren. Das ist letztlich auch öffentliches Sprechen – auch wenn man es zunächst als reinen Textkanal abgetan hätte. Habe ich das richtig verstanden?
Megan Cotterman: Ja, genau.
Beim öffentlichen Sprechen geht es nicht nur um das Gesagte, sondern vor allem darum, was mein Gegenüber eigentlich hören muss und auf welchem Weg ich das am besten vermittle. Öffentliches Sprechen durchzieht alles, was wir tun – und es ist mehr als das klassische Mikrofon-Image.
Galen Low: Wir denken tatsächlich oft, es wäre eine Einbahnstraße: Ich plane meinen Auftritt, halte ihn, das Publikum hört zu – fertig. Aber entscheidend ist doch, ob ich tatsächlich etwas auslöse, ob ich die Menschen erreiche, sie einbinde. Öffentliches Sprechen ist in meinen Augen immer auch partizipativ und nicht bloß Informationsübertragung.
Wir haben einige Beispiele angesprochen: Kannst du eine Situation schildern, in der ein Projekt ohne diese Kompetenzen aus dem Ruder laufen könnte?
Megan Cotterman: Ich kann auf mich selbst verweisen, bevor ich meine Kommunikationsfähigkeiten gezielt weiterentwickelt habe, z.B. bei einem Projekt-Kickoff. Früher habe ich einfach meine Liste abgelesen, alles vorbereitet, war aber nicht bereit, auf spontane Fragen souverän zu reagieren, geschweige denn selbstbewusst „off the cuff“ zu sprechen.
Wenn man sein Publikum versteht, kann man – vielleicht weil man in der Videokonferenz sieht, dass Jim irritiert schaut – aktiv nachfragen: „Hey Jim, ich sehe gerade, du schaust etwas verwundert. Gibt’s Fragen, die offen sind? Siehst du einen Punkt, den ich übersehen habe?“ Damit signalisierst du, dass du zwar nicht alle Antworten hast, aber offen bist, zuzuhören. Gerade Kickoff-Meetings sind ein gutes Beispiel: Fehlt eine sichere, situationsangepasste Kommunikation, bleiben Dinge ungelöst – Problem offenbart sich oft erst Wochen später.
Galen Low: Das kenne ich auch. Früher habe ich Kickoffs oft als reine Wissensvermittlung verstanden – Informationsübertragung. Dabei geht es doch vielmehr darum, alle zu synchronisieren, Unklarheiten auszuräumen und ein gemeinsames Verständnis zu schaffen – und das nötige Engagement, zusammen ins Unbekannte aufzubrechen. Ein echter Beitrag ist nicht erreicht, wenn ich nur „den Plan und die Timeline“ vortrage und dann das Meeting beende.
Öffentliches Sprechen heißt, das Team einzubinden, gemeinsam Unsicherheiten zu adressieren – und die Energie zu wecken, auf die nächsten Herausforderungen zugehen zu wollen.
Megan Cotterman: Ja, und dabei verändert sich auch, wie du als Leiter:in auftrittst. Beim Kickoff solltest du wie bei einer großen Bühnenpräsenz auftreten – auch wenn noch nicht alle Antworten da sind – und vermitteln, dass du für das Team da bist und gemeinsam alle Herausforderungen bewältigen wirst. Das gibt Momentum und stärkt das Vertrauen im Team. Sonst läuft das Meeting nach Schema F und die Dynamik leidet.
Galen Low: Gerade dieses Bild, dass Projektmanager:innen manchmal als reine Admins wahrgenommen werden – auch von sich selbst – spielt da hinein: Wir denken, wir müssen nur Informationen weitergeben und zurücktreten. Aber gute Meetings, in denen wirklich etwas geschieht, sind z.B. Kickoffs oder kritische Updates. Fällt dir dazu noch ein weiteres Beispiel ein?
Megan Cotterman: Auf jeden Fall: Ein schwieriges Update an Stakeholder:innen zu kommunizieren.
Galen Low: Oh ja.
Megan Cotterman: Gerade wenn unangenehme Nachrichten anstehen – etwa, wenn wir mehr Budget brauchen oder einen Termin nicht halten können – ist es wichtig, die Botschaft klar, ehrlich und einfühlsam zu vermitteln. Wer herumdruckst oder die Nachricht abschwächt, sorgt oft nur später für größere Probleme, weil das Anliegen nie wirklich ankam. Wer dagegen empathisch und transparent ist, kann konstruktiv mit Stakeholder:innen Lösungen finden.
Galen Low: Gerade die Empathie beim Überbringen schlechter Nachrichten ist wichtig. Ich habe lange Zeit nur an mich beim Vorbereiten gedacht. Erst nach und nach ist mir klar geworden, dass auch mein Gegenüber vielleicht diese Nachricht noch weitergeben muss – etwa an seine:n Vorgesetzte:n. Wer das im Blick hat und seine Botschaft so platziert, dass sie aufgefangen werden kann, wächst als Führungskraft. In kritischen Situationen können gerade diese Fähigkeiten das Vertrauen stärken und Beziehungen festigen.
Megan Cotterman: Und was dazu gehört: Zwei Dinge beim öffentlichen Sprechen sind aktives Zuhören und die Fähigkeit, spontan zu reagieren.
Oft konzentrieren wir uns beim Überbringen schlechter Nachrichten zu sehr darauf, was wir als Nächstes sagen werden. Wenn wir aber aufmerksam zuhören und auf die tatsächlichen Reaktionen eingehen, zeigt sich wahre Kommunikationskompetenz – schnelle Anpassungsfähigkeit inklusive.
Galen Low: Wie baut man das Selbstvertrauen auf, in Gruppensituationen immer eine gute Antwort parat zu haben?
Megan Cotterman: Hier kann ich von meiner eigenen Entwicklung erzählen: Ich war immer schon extrovertiert und kommunikativ, habe im Kundenkontakt gearbeitet. 2021 bin ich ins Projektmanagement gewechselt und glaubte, meine Kommunikationsfähigkeiten würden reichen. Doch ich habe gemerkt, die Anforderungen sind andere: Spontane Reden, schwierige Nachrichten, Gruppendynamiken.
Deshalb bin ich zu Toastmasters gegangen, einer internationalen Organisation zum Üben von öffentlichem Sprechen. Da gibt es zum Beispiel „Tischthemen“, bei denen man aus dem Stand zu einem zufälligen Thema spontan eine Kurzrede halten muss. Dieses Training, besonders das Impromptu-Reden, hat meinen Umgang mit spontanen Situationen im Job deutlich verbessert. Am Ende baut man das Selbstvertrauen auf, indem man immer wieder übt und feststellt: Ich werde es überstehen, ich finde eine Lösung – egal, wie ich überrascht werde.
Galen Low: Viele, die Toastmasters beschreiben, sagen: sichere Umgebung, aber auch eine echte Herausforderung – spontan vor Publikum sprechen. Hast du Tipps? Was tun, wenn man aus dem Stand gefragt wird, „Kannst du gleich etwas dazu sagen?“ und wenig Zeit zum Vorbereiten hat?
Megan Cotterman: Ich überlege mir flott: Was will ich sagen, was ist das Ziel? Dann übe ich laut, was ich rüberbringen möchte – auch allein im Raum. Je besser man Gedanken und Sprache aufeinander abstimmt, desto leichter fällt die Kommunikation im Ernstfall. Auch fünf Minuten Vorbereitung helfen: Einfach laut aussprechen, was man sagen will, das nimmt Angst und gibt Sicherheit.
Galen Low: Echt ein guter Ansatz. Jeder Satz, den man vorher schon einmal im Kopf und mit eigener Stimme gesagt hat, nimmt dem „inneren Kritiker“ Arbeit ab und schafft mehr Raum für tatsächliche Kommunikation mit dem Publikum.
Megan Cotterman: Und man muss auch im Projektmanagement nicht auf jede Frage sofort die Antwort wissen oder etwas sagen, nur um etwas zu sagen. Es zeugt von Stärke, in solchen Momenten zuzugeben: „Gute Frage, dazu muss ich kurz nachdenken und komme darauf zurück.“ Das schafft mehr Vertrauen als falsche Aussagen aus Unsicherheit.
Galen Low: Absolut wichtig – und auch ein Unterschied zum oft negativen Klischee „gute:r Redner:in kann alles verkaufen und redet sich raus.“ Es geht nicht darum, mit Worten zu kaschieren, sondern ehrlich zu kommunizieren, auch wenn man etwas nicht weiß.
Megan Cotterman: Ganz genau.
Galen Low: Viele Berufseinsteiger:innen sind ja eher introvertiert. Muss man als stille:r Projektleiter:in Angst um seine Rolle haben, wenn Kommunikation immer wichtiger wird? Und gibt es einen ersten Schritt, wie vor allem Introvertierte ihre Fähigkeiten im öffentlichen Sprechen gezielt weiterentwickeln können?
Megan Cotterman: Nein, auch leise Projektmanager:innen sind nicht zum Scheitern verdammt – erfolgreiche Leute müssen nicht die lautesten sein. Am Anfang sollte man ehrlich hinterfragen: Wo liegen meine persönlichen Schwächen, wo Stärken? Dazu kann man Kolleg:innen und Vorgesetzte um Feedback bitten.
Wer zum Beispiel schriftlich sicher ist, aber vor Gruppen unsicher wird, kann gezielt an Gruppensituationen arbeiten – etwa mit Improtheater oder Toastmasters. Es geht darum, die Komfortzone zu verlassen, zu experimentieren und daraus zu lernen. Schritt für Schritt, immer auf der Basis der eigenen Entwicklungsfelder.
Galen Low: Mir gefällt, dass du dabei auch ein Bewusstsein für das eigene Kommunikationsverhalten und das Feedback anderer einleitest. Improtheater hat ja in der Projektmanagement-Community einen Ruf fürs Selbstbewusstsein- und Kommunikations-Upgrade. Du hast Toastmasters erwähnt – wie war eigentlich dein allererstes Treffen?
Megan Cotterman: Ich war total nervös! Gerade vor wenig bekannten Menschen in einer größeren Gruppe hatte ich echt Angst, bewertet zu werden. Mein Körper war angespannt, mein Nervensystem am Anschlag. Aber ich bin trotzdem hingegangen und habe mir gesagt: „Was kann im schlimmsten Fall passieren?“ Es ist unangenehm, aber nicht das Ende der Welt. Lieber dort mal scheitern als im Job.
Galen Low: Das klingt nach einer sicheren Übungsumgebung. Ist das fest in der Kultur? Oder gibt es auch Kritik?
Megan Cotterman: In unserem Club – South Tampa Toastmasters – sagen wir „das ist das AA der öffentlichen Redekunst“. Wir feiern jedes Wort, kümmern uns, wenn jemand Nerven zeigt, jubeln uns gegenseitig zu. Es ist ein bewusster „Safe Space“. Man kann sich Clubs aussuchen, aber alle Toastmasters-Gruppen, die ich kenne, sind sehr unterstützend, weil alle da sind, um gemeinsam besser zu werden, egal wie lange das dauert.
Galen Low: Großartig, danke! Gibt es beim Trainieren für öffentliches Sprechen auch positive Nebeneffekte, die gar nichts mit dem Reden vor Gruppen zu tun haben?
Megan Cotterman: Ja, absolut! Durch Toastmasters und meine bewusste Entwicklung dieser Kompetenz habe ich breite Resilienz gewonnen – Herausforderungen annehmen, Selbstvertrauen gewinnen. Es hat mich generell mutiger gemacht. Auch die Sensibilität für das Gegenüber – nicht nur bei der Arbeit, sondern auch im Privatleben, Beziehungen, Freundschaften, Familie – ist gewachsen. Öffentliches Sprechen schult emotionale Intelligenz und aktives Zuhören in jeder Lebenslage.
Galen Low: Nie daran gedacht, dass gerade die Resilienz aus diesen Situationen entsteht: „Alles kann passieren“ – auf der Bühne wie im Meeting wie im Leben. Wer solche Herausforderungen bewusst sucht, wächst dabei als Mensch.
Megan Cotterman: Genau. Etwas Mindset, aber es stimmt: Die besten Dinge passieren außerhalb deiner Komfortzone. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Auch mit Rückschlägen darf man weitermachen – und sei es ein neuer Versuch im selben Kontext.
Galen Low: Da ist wirklich viel Wahres dran. Auch der Aspekt, professionelle Übungssituationen außerhalb des Jobs anzugehen, ist sehr wertvoll.
Megan Cotterman: Ja, je nach Stand der eigenen Redekompetenz kann man das im Job oder außerhalb trainieren. Die meisten denken ja, andere – die scheinbar ohne Angst in Meetings auftreten – haben gar keine Unsicherheiten. Tatsächlich empfinden auch Profis Nervosität und kämpfen innerlich. Es ist Teil des Wegs.
Galen Low: Sehr wichtiger Punkt: Auch die scheinbar souveränsten Redner:innen sind innerlich nervös – das ist Teil der Reise und kein Zeichen von Schwäche.
Megan Cotterman: Exakt. Entscheidend ist, sich von dieser Nervosität nicht lähmen zu lassen, sondern sich weiterzuentwickeln und mit jeder Erfahrung sicherer zu werden.
Galen Low: Lass uns noch einen Ausblick wagen: Wie wird sich öffentliches Sprechen im Berufsleben der Zukunft entwickeln – gerade auch im Zusammenspiel mit KI und dem Bedürfnis nach Effizienz?
Megan Cotterman: Ich sehe immer wieder, dass Menschen den Wunsch nach echter, menschlicher Verbindung haben – trotz (oder wegen) technischer Fortschritte und KI. Wer heute fähig ist, andere durch Persönlichkeit und Engagement mitzunehmen, hebt sich aus der Masse ab. Gleichzeitig werden wir gezwungen sein, Informationen immer präziser und zügiger zu vermitteln – Toastmasters legt zum Beispiel Wert auf Zeitbegrenzung. Wer es schafft, komplexe Sachverhalte klar auf den Punkt zu bringen, bleibt in einer Welt des Wandels konkurrenzfähig. Reden um den heißen Brei – „Talk, Talk, Talk“ – wird künftig kaum noch toleriert werden.
Galen Low: Ja, das stimmt. Gerade in der Vision, dass KI uns schneller und effizienter macht, wird auch die Kommunikationsgeschwindigkeit zum Erfolgsfaktor. Man muss wissen, wann die Botschaft angekommen ist – und zügig das nächste Thema angehen.
Gleichzeitig bleibt der menschliche, inspirierende, zuhörende Aspekt entscheidend. Es geht nicht nur um kalten Wissenstransfer: Es geht um die Motivation, die Abstimmung, die echte Zusammenarbeit. Und genau da bleibt das öffentliche Sprechen eine unverzichtbare menschliche Kompetenz.
Megan Cotterman: Ganz genau. Weniger reden, mehr treffen: Wer merkt, wenn seine Botschaft angekommen ist und auch mal Stille aushält, macht alle im Team glücklicher. Das gilt für Projektmanager:innen genauso wie für jeden im Unternehmen.
Galen Low: Da ist was dran.
Megan Cotterman: Das war nicht gegen dich persönlich, Jim!
Galen Low: Jim... (lacht)
Megan Cotterman: Oh Mann.
Galen Low: Vielen Dank, Megan! Zum Abschluss: Hast du eine Frage an mich?
Megan Cotterman: Galen, gibt es einen Moment in deiner Projekt-Management-Karriere, in dem deine Fähigkeiten im öffentlichen Sprechen wirklich den Unterschied gemacht und den Tag gerettet haben?
Galen Low: Oh, gute Frage! Ich erinnere mich an eine Situation ganz am Anfang meiner Laufbahn: Ich hatte Angst, überhaupt ans Telefon zu gehen, weil ich nie wusste, was passieren würde. Am Anfang war ich also die Person, die sich in Meetings zurückgehalten hat. In einer Besprechung mit 30 Personen stellte jemand eine sehr projektmanagement-spezifische Frage – mein Chef, der CEO, versuchte zu antworten, wusste es aber eigentlich nicht. Ich kannte die Antwort, aber war zu schüchtern sie zu sagen. Im entscheidenden Moment habe ich mich dann überwunden und gesprochen. Mein Chef lobte mich anschließend, dass ich aus mir herausgegangen bin. Daraus habe ich gelernt: Es lohnt sich, sich der Angst zu stellen. Die Zusammenarbeit ist erfolgreicher, wenn sich alle einbringen – auch wenn es erst Überwindung kostet.
Megan Cotterman: Das kann ich gut nachvollziehen. Es läuft oft besser, als man selbst befürchtet. Und: Du warst fachlich sicher, das bot dir die nötige Sicherheit, zu sprechen. Viele Projektleiter:innen erkennen solche Momente als ihren Einstieg, die Komfortzone zu verlassen.
Galen Low: Danke für die Reise in die Vergangenheit!
Megan Cotterman: Es ist schön, sich zu erinnern und zu sehen, wie viel Entwicklung möglich ist.
Galen Low: Darum geht es letztlich immer: wachsen und sich verändern – meist zum Positiven.
Megan Cotterman: Genau.
Galen Low: Megan, vielen herzlichen Dank für deine Zeit heute! Ich habe viel gelernt, es hat enorm Spaß gemacht, und die Rückblicke waren bereichernd! Für alle, die mehr über dich wissen wollen: Wo kann man dich finden?
Megan Cotterman: Danke, Galen, für die Einladung. Es war super! Ihr findet mich unter managedbymeganpm.com oder bei LinkedIn als Megan Cotterman.
Galen Low: Super – ich packe die Links in die Shownotes. Wer heute zugehört hat: Meldet euch gerne bei Megan. Nochmals danke!
Megan Cotterman: Danke, Galen. Bis bald!
Galen Low: Das war's für heute mit dem Digital Project Manager Podcast. Wenn Ihnen dieses Gespräch gefallen hat, abonnieren Sie unseren Podcast gern.
Mehr Praxis-Tipps, Case Studies und Best Practices gibt’s mit kostenlosem Account auf thedigitalprojectmanager.com. Bis zum nächsten Mal – danke fürs Zuhören.
