Projektmanagement im Bauwesen wird oft als traditionell abgetan, doch wenn es um KI und Daten geht, ist die Branche möglicherweise weiter fortgeschritten, als viele denken. In diesem Gespräch berichtet James Garner, Leiter für KI und Daten bei Gleeds und Gründer von Project Flux, warum das Bauwesen zu einem Testfeld für die Einführung von KI wird – und was Projektprofis aus allen Branchen daraus lernen können.
Von der Überwindung von Widerständen gegenüber neuer Technologie über Karrierewechsel bis hin zum Aufbau von KI-Kompetenz bietet James eine erfrischend ausgewogene Perspektive auf die Zukunft des Projektmanagements. Egal, ob Sie digitale Initiativen führen oder einen Karrierewechsel erwägen – in dieser Episode wird untersucht, warum Urteilsvermögen, Neugier und Kreativität im Zeitalter der KI noch wertvoller werden.
Das lernen Sie in dieser Episode
- Warum das Bauwesen bei KI schneller vorankommt, als es sein Ruf vermuten lässt
- Wie bessere Daten die Projektplanung, Prognose sowie Entscheidungsfindung verändern
- Warum die Einführung von KI letztlich eine Herausforderung für Menschen und Change Management ist
- Was digitale Projektmanager der Baubranche bieten können
- Wie Sie KI-Kompetenz aufbauen können, ohne auf formale Bildungsangebote zu warten
- Warum menschliches Urteilsvermögen und Kreativität mit dem Fortschritt von KI noch wichtiger werden – nicht weniger
Wichtige Erkenntnisse
- Beginnen Sie mit kleinen, sichtbaren Erfolgen. Die KI-Entwicklung im Bauwesen nahm durch besseren Zugriff auf Echtzeitdaten an Fahrt auf. Praktische Vorteile sichtbar zu machen, schafft Vertrauen und ebnet den Weg für umfassendere Veränderungen.
- Die Einführung von KI ist vor allem eine Frage der Einstellung, nicht der Technik. Auf Bedenken hören, Unsicherheiten anerkennen und Menschen dort abholen, wo sie stehen, ist viel effektiver als Veränderungen zu erzwingen.
- Behandeln Sie KI als Sparringspartner, nicht als Ersatz. Nutzen Sie sie, um Ihre Arbeit zu hinterfragen, Ihr Denken herauszufordern, sich auf Interviews vorzubereiten oder Ihre Ideen zu stärken – aber nicht, um Ihr eigenes Urteilsvermögen zu ersetzen.
- Projektmanagement-Kompetenzen lassen sich überraschend gut branchenübergreifend nutzen. Planung, Kommunikation, Empathie, Verhandlungsgeschick und Storytelling bleiben unverzichtbar – egal, ob Sie Software oder Gebäude umsetzen.
- Kümmern Sie sich selbst um Ihre KI-Weiterbildung. Die Technologie entwickelt sich schneller als die meisten Bildungseinrichtungen nachziehen können. KI-Kompetenz zu entwickeln, ist zunehmend eine persönliche Verantwortung und ein Wettbewerbsvorteil.
- Die Geschichte zeigt, dass heutige Ängste nicht einzigartig sind. Jeder große technologische Wandel hat Ängste ausgelöst. Auch wenn der Umbruch real ist, sind Neugierige und Anpassungsfähige am besten darauf vorbereitet, davon zu profitieren.
- Die Zukunft gehört Urteilsvermögen und Kreativität. Während KI mehr Routinetätigkeiten übernimmt, schaffen Projektmanager den größten Wert durch klügere Entscheidungen, bessere Fragen und einfallsreiche Problemlösungen.
Kapitel
- 00:00 – KI im Bauwesen
- 02:30 – Der Datenwandel
- 08:11 – KI-Kompetenz
- 11:12 – KI im Einsatz
- 15:54 – Menschen gewinnen
- 19:42 – Der Wert des Urteilsvermögens
- 24:24 – Meinungen ändern
- 29:22 – Karrierewechsel
- 33:24 – Lektionen aus der Geschichte
- 37:16 – Die Zukunft des Projektmanagements
- 39:53 – Was nicht automatisiert werden sollte
Lernen Sie unseren Gast kennen

James Garner ist Head of Data & AI bei Gleeds und Gründer von Project Flux. Er unterstützt Unternehmen dabei, mit Daten, künstlicher Intelligenz und digitaler Innovation die Projektabwicklung zu transformieren. Mit umfassender Erfahrung im Bauumfeld und bei Großprojekten ist James eine anerkannte Führungspersönlichkeit für die Anwendung neuer Technologien zur Verbesserung von Entscheidungsfindung, Produktivität und Projektergebnissen. Durch Führung, Vorträge und Beratung setzt er sich für praxisnahe, menschenzentrierte Ansätze der digitalen Transformation ein, um Unternehmen zu ermöglichen, mehr Wert aus ihren Daten- und Technologieinvestitionen zu schöpfen.
Ressourcen zur Episode:
- Tritt der Digital Project Manager Community bei
- Abonniere den Newsletter, um unsere neuesten Artikel und Podcasts zu erhalten
- Verbinde dich mit James auf LinkedIn
- Besuche Gleeds und Project Flux
Verwandte Artikel und Podcasts:
Galen Low: Projektmanagement in der Bauindustrie wird oft als altmodisch abgestempelt, aber wenn es um Daten und KI geht, könnte sie der Zeit bereits voraus sein. Wenn Sie jetzt sagen, "Das ist absurd", dann bleiben Sie dran, denn derzeit gibt es eine enorme Nachfrage nach digital versierten Projektmanager:innen in der Bauindustrie, und mein heutiger Gast ist überzeugt, dass Sie mit ein paar Updates hervorragend dafür geeignet wären.
Aber selbst wenn Sie nie vorhaben, einen Bauhelm zu tragen, um Ihr Projekt umzusetzen, bleiben Sie dabei und hören Sie rein. Wir nutzen die Baubranche als Linse, um zu beleuchten, wie man Menschen mit festgefahrenen Denkmustern im Bezug auf KI und Karrierewechsel gewinnt – egal ob sie Industrieveteranen mit 30 Jahren Erfahrung oder Berufseinsteiger:innen sind.
Viel Spaß mit der Folge.
Willkommen beim Digital Project Manager Podcast – der Show, die Führungskräften im Delivery dabei hilft, klüger zu arbeiten, reibungsloser zu liefern und ihre Teams im Zeitalter der KI mit Selbstvertrauen zu führen. Ich bin Galen und jede Woche tauchen wir in praxisnahe Strategien, neue Trends, bewährte Frameworks und gelegentliche Anekdoten direkt von der Projektfront ein. Ob Sie riesige Transformationsprojekte steuern, KI-Workflows bändigen oder einfach nur versuchen, das Chaos zu beherrschen – Sie sind hier genau richtig. Legen wir los.
Heute machen wir einen Schritt weg vom üblichen „Digitalen“ und untersuchen, wie KI und Daten eine der ältesten und wohl auch komplexesten Branchen der Welt, die Bauindustrie, umgestalten. Wir sprechen darüber, was bei der digitalen Innovation in der Bauindustrie gut läuft und was nicht und nutzen das, um zu zeigen, wie Projektleiter:innen tief verwurzelte Denkweisen ändern können, wo es Arbeitsplatzverlust und Wachstum im Projektmanagement gibt und ob digitale Projektprofis die nötigen Fähigkeiten für den Wechsel in die Baubranche besitzen.
Heute zu Gast ist James Garner, Head of AI und Data bei Gleeds und Gründer von Project Flux, einem Newsletter, Podcast und einer Online-Community über die Entmystifizierung von KI in Projekten. James ist ein Chartered Quantity Surveyor mit fundierter Expertise in der kommerziellen Steuerung, Datenstrategie und KI-Transformation im Umfeld der gebauten Umwelt.
Er ist seit über 25 Jahren bei dem sozial ausgerichteten Bauberatungsunternehmen Gleeds, begann als Vermesser und entwickelte sich bis heute dahin, wo er für internationale Marktanalysen und Thought Leadership rund um Gleeds' datengetriebene Transformation verantwortlich ist. Er ist leidenschaftlich, wenn es um Daten in der Bauindustrie geht und nutzt seine Community Project Flux, um Diskussionen darüber zu führen, wie Bauunternehmen KI und Daten nicht nur zur Effizienzsteigerung, sondern zum radikalen Umdenken bei der Planung, Prognose, Steuerung und dem Management von Projekten nutzen können.
James, danke, dass du heute bei mir bist.
James Garner: Vielen Dank. Wow, was für eine Einführung. Vielen Dank, Galen. Schön, dich kennenzulernen.
Galen Low: Ebenso. Ich habe die Vorbereitung sehr genossen und bin sehr gespannt auf unser Gespräch, weil es mich wirklich interessiert. Ich denke, vielen Hörer:innen ist vielleicht gar nicht bewusst, wie digital die Bauindustrie mittlerweile ist und welche Gemeinsamkeiten Projektleiter:innen in Software und Bau heute haben, wenn sie Herausforderungen im Bereich Daten, Automatisierung und besonders der Einführung von KI ins Auge blicken.
Die Bauindustrie galt unter Digital-Expert:innen meist als langsam, linear und technisch hinterher. Aber angesichts der Investitionen und des Wachstums und der neuen Arbeitsplätze in Bereichen wie Projektmanagement, Daten und KI – ist die Baubranche im Begriff, technologieaffiner zu werden als so manche Digitalbranche?
James Garner: Gute Frage. Es ist uneinheitlich, richtig? In manchen Bereichen geht Bau viel schneller voran, als viele ahnen. In anderen Bereichen ist es nach wie vor schmerzhaft langsam. Was du vorhin meintest, Galen: Ob digitaler oder Bauprojektmanager – wir wollen letztlich alle Probleme lösen oder ein Projekt verwirklichen.
Viele Fähigkeiten sind sehr ähnlich. Der Unterschied ist, dass man im Bau am Ende dreckig wird – mit Erde und Baggern – aber die Planung, alles bevor die Baustelle losgeht, ist im Grunde vergleichbar.
Das Problem im Bauwesen war, dass es als so geschichtsträchtige Branche lange gebraucht hat, um zu erkennen, dass Digitales und KI das Projektgeschäft grundlegend verändern können. Und im Vergleich zum digitalen Projektmanagement ist es schwieriger, weil alles sehr fragmentiert ist.
Bei einem Bauprojekt sind extrem viele Parteien beteiligt – oft über 100 – darunter Auftragnehmer, Subunternehmer, Lieferanten, Sub-Subunternehmer, Berater, Architekten, Ingenieure, Vermesser und natürlich der Auftraggeber. Das überrascht viele.
Jede Partei hat unterschiedliche Abläufe, Systeme und Methoden zur Datenspeicherung. Das macht Standardisierung schwierig – weswegen bis vor kurzem niemand wirklich die Digitalisierung gelöst hat. Aber in den letzten etwa fünf Jahren, besonders seit Einzug von BI-Programmen wie Power BI und Power Apps, haben die Leute erkannt, dass in Daten viel mehr Wert steckt als angenommen.
Wir erleben einen Wandel von reaktiven hin zu Echtzeitdaten durch BI-Tools wie Power BI oder Tableau.
Das hat die Leute geweckt: Wir sind nicht immun gegen neue Technologien und können sie nutzen, um unser Geschäftsergebnis zu verbessern. Insbesondere bei KI sieht man jetzt zunehmende Bemühungen, Daten zu standardisieren und ernster zu nehmen.
Da sind zwei Dinge passiert: Kulturell wächst das Verständnis für die Vorteile und gleichzeitig gibt es seit Jahren ein bisschen Vorarbeit und es ist nun eine Grundlage vorhanden, auf der man mit Daten arbeiten kann. Die Denkweise verändert sich also gerade – es gibt noch viele Hürden, aber es geht in die richtige Richtung. In manchen Bereichen sind wir vorne dabei, aber noch nicht überall. Neue Leute bringen frischen Wind, zum Beispiel Absolvent:innen, die jetzt ins Berufsleben eintreten.
Galen Low: Mir gefällt der Aspekt mit den Daten, weil alle den Nutzen sofort erkennen: Von veralteten Daten zu fast aktuellen – was bei der Komplexität der Branche essenziell ist, um investitionsrelevante Entscheidungen zu treffen.
Wenn alle feststellen: „Wir sollten das standardisieren und zugänglich machen, das macht alles effizienter“, dann ist das eigentlich in jeder Branche der richtige Weg: Erst auf kleinem Feld den Mehrwert nachweisen und dann ausweiten.
Es ist wie ein Keil, den man immer wieder mit neuen Ideen treiben muss. Aber du hast recht: Es ist ein schwerfälliger Koloss – nicht nur wegen des vielen Geldes, sondern auch wegen der Komplexität und der Vielzahl an Menschen. In der Digitalbranche denkt man oft: „Das können wir rückgängig machen, wir bringen halt ein Update raus.“ Das geht im Bau eben nicht. Es zählt einfach mehr. Es ist schön zu sehen, dass Transformation hier stattfindet.
Du hast mir erzählt, dass du kürzlich mit Graduierenden gesprochen hast. Sind die offen für die neuen Technologien oder gibt es noch starke Zweifel? Lernen sie das Thema, oder geraten sie auf einen Markt, wo noch mit viel Widerstand zu rechnen ist?
James Garner: Es ist interessant. Ich habe zum Beispiel mit der De Montfort University in Großbritannien gearbeitet und auch mit Unis in den USA. Mein großes Ärgernis ist, dass Institute die nächste Generation nicht ausreichend vorbereiten – sie lehren Projektmanagement noch sehr traditionell, ich denke im Digitalen ist das ähnlich.
Die Studierenden sind frustriert, weil sie viel Geld zahlen, Bildung aber immer der Technik hinterherläuft. Dieser Abstand wird spürbar, weil die Technik so rasant voranschreitet. Viele fragen mich: „Welche Skills muss ich lernen?“ Ich sage: „Die Kurse vermitteln zwar die relevanten Fachfähigkeiten, aber vermutlich nicht die richtigen KI-Fähigkeiten. Aber das darf keine Ausrede sein. Ihr seid selbst verantwortlich für eure KI-Kompetenz."
Denn wirklich: Niemand weiß ganz genau, wohin sich das alles entwickelt. Man muss einen neugierigen Geist haben – zum einen, weil es unglaublich spannend ist, zum anderen, weil es dich abhebt. Die Studierenden sind nicht in Panik, sondern verwirrt. Sie bekommen keine klare Auskunft, was das alles bedeutet, auch weil die Lehrenden das nicht wissen – es ist nicht ihr Spezialgebiet. Sie wollen, dass ihnen jemand sagt: „Alles wird gut. Lerne deine Fachrichtung weiter, das solltest du tun.“
Ich lüge nicht: Es wird eine sehr disruptive Phase für fünf bis zehn Jahre geben, wie bei allen Revolutionen, aber es gibt Möglichkeiten. Ihr habt es selbst in der Hand. Es ist wie Wellenreiten. In fünf Jahren sieht der Beruf wahrscheinlich anders aus. Das war bei dir und mir anders – früher wusste man in etwa, wie der Karriereweg aussieht. Neue Absolvent:innen haben diese Klarheit nicht, aber das kann man auch als Chance sehen: Sie betreten jetzt eine Branche, in der viel passiert, und sie können diese Welle reiten.
Galen Low: Ja, ein ganz anderes Spiel, das fordert ein Mindset der Offenheit für das Ungewisse. Früher gab es für Projektmanager:innen eher klar erkennbare Karrierepfade. Kommen wir zurück zu etwas, das du gesagt hast: „Weil es einfach cool ist.“ Das stimmt – und das wird oft vergessen. Häufig reden wir über die Unsicherheit, die Disruption, die Veränderungen. Kannst du ein paar Beispiele nennen, was an KI und Daten in der Bauindustrie besonders beeindruckend ist? Wir haben über Echtzeitberichte gesprochen, aber das Spektrum ist viel breiter – da gibt es Roboter, neue Technologien und so viel mehr.
James Garner: Am Ende klingt Bauindustrie für viele nach Dreck und Gefahr – Bagger, Unfälle auf Baustellen.
Aber: Die Bauindustrie betrifft alle. Die Gebäude, in denen wir wohnen, lernen, einkaufen; Kraftwerke, Straßen – alles Teil der Branche. Global gesehen macht Bau und Infrastruktur etwa 15 % des BIP aus, das ist enorm für unsere Gesellschaft.
Das sind alles Dinge, ohne die wir nicht leben könnten. Wenn Technologien da Verbesserungen bringen, ist das ungeheuer spannend. KI kann zum Beispiel Engpässe lösen, die Projekte bislang unbezahlbar oder unmöglich gemacht haben – so können nun Gesellschaftsprojekte verwirklicht werden, die wir uns als Gemeinschaft wünschen.
Stichwort humanoide Roboter: Ein britischer Baukonzern hat seinen ersten humanoiden Roboter auf einer Baustelle eingesetzt. Normalerweise gehen Projektleiter:innen über die Baustelle, um alles zu überprüfen – sie sind dafür geschult, Gefahren und Abweichungen zu erkennen. Aber: Wir Menschen können immer nur in eine Richtung gucken, haben nur zwei Augen.
Jetzt gibt es Roboter mit 360°-Kameras und Computer Vision (wie Teslas/autonome Fahrzeuge), die überall „hinblicken“ können. Projektleiter:innen bekommen also „Schwärme“ humanoider Assistenten, die sämtliche Baustellen überwachen können, sodass sie sich keine Sorgen um übersehene Details machen müssen. Das ist heute schon Realität.
Ein weiterer Punkt: Baustellen sind gefährlich. Menschen machen riskante Jobs, weil es bislang nicht anders geht. Früher mussten Menschen z. B. selbst in Baugruben, dann kamen Bagger – jetzt können die nächsten Generationen humanoider Roboter gefährliche Aufgaben übernehmen. Menschen bleiben als Aufsicht erhalten, aber Roboter können die gefährlichsten Tätigkeiten erledigen. Das verändert das Image der Branche langfristig in Richtung mehr Sicherheit.
Darüber hinaus geht es auch darum, wie Projekte geplant werden – oft scheitert es an Machbarkeitsanalysen aufgrund von Bauchgefühl. Künftig werden KI und Daten hier helfen, Projekte von Anfang an richtig strukturieren.
Außerdem werden Bauwerke immer „smarter“, durchsät mit Sensoren und messbaren Daten. Das sichert bessere Nachhaltigkeitsergebnisse. Über den gesamten Lebenszyklus ist es unglaublich spannend. Die Welt 2040 oder 2035, was Bau und Management betrifft, wird völlig anders aussehen.
Galen Low: Das ist wirklich spannend – und toll, dass Sicherheit so viel Gewicht bekommt. Ich kenne VR-Trainings für Bauarbeiter, damit niemand real gefährlichen Situationen ausgesetzt werden muss. Da gibt es viele sinnvolle Anwendungen. Und dennoch gibt es vermutlich Widerstand, oder? Gerade bei Menschen, die an bewährten Methoden hängen oder sich bedroht fühlen.
James Garner: Absolut, das ist eine klassische Herausforderung. Die größte Hürde sind die Einstellungen der Menschen selbst. Ich zitiere oft die vier KI-Mindsets nach Reid Hoffman: die „Doomers“, die in KI die größte Gefahr sehen, die „Gloomers“, die den Jobverlust fürchten, die „Bloomers“, die optimistisch aber vorsichtig sind und die „Zoomers“, die euphorisch und kompromisslos voranstürmen.
Diese Typen findet man in jedem Unternehmen – unabhängig vom Alter! Es heißt oft, die Jüngeren seien offener, die Älteren skeptischer – das stimmt meiner Erfahrung nach nicht.
Manche der kreativsten KI-Anwendungen stammen von Leuten in den Sechzigern oder Siebzigern, weil sie neue Möglichkeiten entdecken wollen. Junge Menschen wiederum können große Skepsis empfinden, aus Angst um Sicherheit und Zukunft. Wichtig ist: Niemandes Meinung abtun! Jeder hat ein Recht, gehört zu werden. Wir müssen gemeinsam Wege finden, uns der Veränderung zu stellen. Niemand weiß, wie es ausgehen wird. Zuhören ist der beste Weg, um Vorbehalte abzubauen und sich gemeinsam in der Mitte zu treffen.
Galen Low: Viele bekommen das nicht gut hin. Die Führungskräfte, die wirklich überzeugen, sind die, die ihr Publikum kennen und darauf eingehen können. Viele andere versuchen, ihre Ansichten mit Gewalt durchzusetzen – was in der Veränderungsführung meist nicht funktioniert. Deine Aufgabe ist es, Menschen zu überzeugen, wie KI und Daten der Branche helfen können, stimmt das?
James Garner: Ja, das sehe ich sogar als meine Mission. Ich bin leidenschaftlich für dieses Thema und die Branche. Mir geht es darum, Kontrolle im Sektor zu behalten – weil wir gesehen haben, dass andere Branchen die Kontrolle an Tech-Konzerne abgaben und nicht zurückbekamen. Netflix ist ein gutes Beispiel. Erst wird der Markt günstiger, dann verschwinden die Mitbewerber, dann steigen die Preise – aber zurück geht es nicht mehr. Baukunden schätzen unabhängige Beratung und professionelle Urteile, das dürfen wir nicht verlieren. Je mehr digitale Lösungen Einzug halten und Beratungsdienste ersetzen, desto wichtiger wird unser Beitrag als Vermittler und Orientierungsgeber. Mein Ziel ist, Menschen davon zu überzeugen, wie sie mit KI ein besserer Projektmanager werden – denn sonst stehen sie dem anonymen Softwaremarkt mit anderen Interessen gegenüber.
Galen Low: Ich finde die Perspektive super, die Macht im Sektor zu halten. Das Wort „Urteilsvermögen“ gefällt mir – die Fähigkeit, weiterhin fundierte Entscheidungen für unsere Projekte und unsere Branche zu treffen.
James Garner: Genau. Fragt man nach dem Wert von Institutionen – und da bin ich zum Beispiel im „Construction Professional Group Panel“ der RICS (Royal Institution of Chartered Surveyors) aktiv –, dann ist die Rolle heute, weniger die Wissenshoheit (alles Wissen ist inzwischen frei verfügbar), als vielmehr dafür einzustehen, Menschen fachlich zu beurteilen und Erklärungen zu liefern: Man kauft kein Wissen, sondern Urteilsfähigkeit.
Galen Low: Interessante Sicht: Gerade „alte“ Institutionen werden oft als rückständig empfunden, aber eigentlich ist genau ihr Auftrag, ihre Fachbereiche durch den Wandel zu begleiten.
James Garner: Absolut. Manche tun sich schwerer als andere, aber es gibt überall engagierte Leute, die etwas bewegen wollen. Deshalb sehe ich Überzeugungsarbeit als meine Aufgabe, um möglichst viele zu erreichen.
Galen Low: Hast du als Beispiel schon einmal ein Gespräch geführt, bei dem du eine junge „Doomer“ oder einen „Gloomer“ überzeugen konntest?
James Garner: Ja, das ist altersunabhängig. Besonders eindrücklich war ein älterer Kollege (nicht meine eigene Firma), der erst gegen KI war, dann aber nach einem Aha-Moment ganz offen auf mich zukam – und der im Anschluss zum größten KI-Befürworter der Firma wurde. Besonders in jungen Jahren ist es manchmal schwerfälliger, oft weil in Schule/Studium KI immer negativ dargestellt wird – Beispiel mit meinen Söhnen: Ich habe ihnen erklärt, dass KI nicht dazu da ist, die Aufgabe zu schreiben, sondern ihre Arbeit als „kritischer Partner“ zu prüfen – das hat ihnen geholfen umzudenken. Auch zum Beispiel bei Bewerbungen: Nicht die KI soll den Lebenslauf schreiben, sondern den eigenen Entwurf prüfen und fürs Vorstellungsgespräch als „Trainingspartner“ dienen. Das kam super an und hat geholfen, den Job zu bekommen.
Galen Low: Es läuft darauf hinaus, dass am Ende unser Urteilsvermögen zählt, und die KI dabei unterstützt. Das Bewusstsein, dass KI Unterstützung statt Ersatz bietet, hilft, die Angst vor dem Identitätsverlust zu nehmen. Am Schluss geht es darum, dass man besser, kreativer und menschlicher Entscheidungen trifft – das ermöglicht KI bei guter Anwendung für alle in der Branche.
James Garner: Absolut.
Galen Low: Thema Jobverluste: In unserer Community gibt es Entlassungen in Digitalberufen, während die Bauprojektmanagement-Perspektiven sehr positiv sind. Was würde den Wechsel vom Digital- ins Bauprojektmanagement erleichtern? Wie kann man sich fit machen?
James Garner: Es gibt weiterhin massiven Fachkräftemangel im Bauwesen. Viele Fähigkeiten aus dem digitalen Projektmanagement sind direkt übertragbar (Planung, Kommunikation, Verhandlung, Storytelling, Empathie usw.). Ich würde sagen, etwa 80% überschneiden sich, nur etwa 20% (Branchenwissen) muss man sich anzueignen, etwa mit einem Aufbaustudium. Entscheidend sind aber die Grundfähigkeiten: Verlässlichkeit, Planungsfähigkeit, Sozialkompetenz. Wer das mitbringt, sollte sich die Branche ruhig ansehen – es lohnt sich, Bau hat Zukunft.
Galen Low: Und wie sieht ein realistischer Einstieg aus, zum Beispiel für Digital-Profis, die nie auf einer Baustelle waren, aber bereit sind zu lernen?
James Garner: Ich würde ehrlich und offen mit den eigenen Stärken und Lücken umgehen. Viele Quereinsteiger:innen haben zunächst andere Studienrichtungen und machen dann ein einjähriges Aufbaustudium im Bauprojektmanagement – das ist vollkommen normal. Wer bereit ist zu lernen und offen kommuniziert, wird gerne eingestellt. Grundsätzlich zählt Haltung und Lernbereitschaft mehr als „perfektes“ Fachwissen.
Galen Low: Du hast kürzlich einen Artikel für Project Flux geschrieben: „Wir waren schon mal hier: 2400 Jahre Angst vor Neuer Technologie“. Was war die Motivation, was kann man daraus lernen?
James Garner: Angeregt durch einen Musiker in meinem Podcast, der die Angst von Sokrates vor der Erfindung der Handschrift schilderte, habe ich historische Zitate über Technologiewandel recherchiert – und sie als moderne LinkedIn-Posts per KI umgeschrieben. Beispiel: „Diese Erfindung wird das Erinnerungsvermögen der Menschen ruinieren“ (Sokrates, 370 v. Chr., über Handschrift). Oder: „Der Facharbeiter wird von seelenlosen Maschinen verdrängt“ (Thomas Carlyle, 1829, zur Mechanisierung). Solche Sorgen gab es immer – auch damals kam es zu Disruption, aber am Ende findet sich ein neues Gleichgewicht. KI unterscheidet sich darin, wie schnell alles geht. Aber: Die Menschheit durchlebt das immer wieder – das hat etwas Beruhigendes.
Galen Low: Der Vergleich beruhigt. Natürlich wurde manches disruptiv, aber letztlich kam immer etwas anderes, neue Chancen. Viele fürchten wegen KI, dass es künftig keine sinnvolle Arbeit mehr für sie gibt. Aber das hat sich historisch immer eingependelt.
James Garner: Das sehe ich genauso. Es wird eine Übergangsphase mit fünf bis zehn Jahren Umbruch geben, dann einen neuen Status quo. Man kann und sollte diese Disruption für sich nutzen: Offensein, die Technik lernen und Chancen sehen.
Galen Low: Lass uns abschließend optimistisch auf die Zukunft blicken. Was siehst du durch KI und Innovation auf uns zukommen, was auf den ersten Blick beängstigend wirkt, aber tolle Chancen eröffnet?
James Garner: Da ist viel! Nicht nur humanoide Roboter, sondern generell physische KI (über Chatbots hinaus), kombiniert mit neuen Rechenleistungen wie Quantum Computing. Wir könnten vor einer Zeit der Fülle stehen, in der Routinearbeiten von KI/Robotern erledigt werden – und damit Zeit entsteht für Kreativität und Unternehmergeist. KI kann inzwischen nicht mehr nur Wissen reproduzieren, sondern entdeckt selbst Neues (z. B. Lösung alter mathematischer Probleme durch OpenAI). Im Bau bedeutet das komplettes Umdenken in Planung, Umsetzung und Betrieb. Menschen übernehmen Aufsicht und Kreativität, Roboter die gefährlichen oder eintönigen Aufgaben. Das eröffnet unglaublich viele Möglichkeiten – die Grenze ist letztlich unsere Vorstellungskraft.
Galen Low: Fantastisch.
James Garner: Ich bin wirklich begeistert von den Perspektiven.
Galen Low: Super – dann möchte ich mich bedanken. Möchtest du mir zum Abschluss noch eine Frage stellen?
James Garner: Ja, gerne. Da wir beide Podcasts machen, interessiert mich: Wo ziehst du die Grenze beim Automatisieren? Was würdest du beim Podcast nie der KI überlassen?
Galen Low: Das sind für mich immer die Fragen – also das Herausarbeiten eines spannenden Gesprächswinkels. Das findet auf kreative Weise statt: Ich recherchiere über die Gäste und überlege, was für die Hörer:innen spannend sein könnte. KI kann als Sparringspartner helfen, aber den inhaltlichen Ansatz will ich selbst gestalten.
James Garner: Genau das gefällt mir auch am meisten. Danke für deine Antwort.
Galen Low: Vielen Dank für deinen Besuch, deine Insights und deine Zeit. Den Link zum erwähnten Artikel stelle ich in die Shownotes. Wer mehr über dich und Project Flux erfahren will – wo kann man dich finden?
James Garner: Einfach auf projectflux.ai gehen – dort kann man kostenlos unseren wöchentlichen Newsletter und Podcast abonnieren. Gerne auch Vernetzung auf LinkedIn, ich bin dort sehr aktiv und antworte gern auf Fragen.
Galen Low: Perfekt, wie du LinkedIn nutzt, finde ich super! Die Links kommen in die Shownotes, danke nochmals.
James Garner: Vielen Dank dir, Galen, es war mir eine Freude!
Galen Low: Das war die heutige Folge des Digital Project Manager Podcasts. Wenn Ihnen das Gespräch gefallen hat, abonnieren Sie uns gern – und falls Sie noch mehr praxisnahe Einblicke und Case Studies möchten, erstellen Sie kostenlos ein Konto auf thedigitalprojectmanager.com.
Bis zum nächsten Mal und vielen Dank fürs Zuhören.
