Projektmanagement in der Baubranche wird oft als traditionell abgetan, doch wenn es um KI und Daten geht, ist die Branche vielleicht weiter fortgeschritten, als viele annehmen. In diesem Gespräch erläutert James Garner, Head of AI and Data bei Gleeds und Gründer von Project Flux, warum der Bausektor zu einem Testfeld für den Einsatz von KI wird – und was Projektprofis aus allen Branchen daraus lernen können.
Vom Überwinden von Widerständen gegenüber neuer Technologie über berufliche Veränderungen bis hin zum Aufbau von KI-Kompetenz – James bietet eine angenehm ausgewogene Perspektive auf die Zukunft des Projektmanagements. Egal, ob Sie digitale Initiativen leiten oder einen beruflichen Richtungswechsel anstreben: In dieser Episode erfahren Sie, warum Urteilsvermögen, Neugier und Kreativität im KI-Zeitalter noch wertvoller werden.
Das lernen Sie in dieser Folge
- Warum der Bausektor bei KI vielleicht schneller vorankommt, als sein Ruf vermuten lässt
- Wie bessere Daten die Projektplanung, -prognose und Entscheidungsfindung verändern
- Warum die Einführung von KI letztlich eine Herausforderung im Bereich Menschen und Change Management ist
- Was digitale Projektmanager in die Baubranche einbringen können
- Wie man KI-Kompetenz aufbaut, ohne auf formale Bildung zu warten
- Warum menschliches Urteilsvermögen und Kreativität mit fortschreitender KI wichtiger – und nicht weniger wichtig – werden
Wichtige Erkenntnisse
- Mit kleinen, sichtbaren Erfolgen beginnen. Die KI-Reise der Bauindustrie gewann durch besseren Echtzeit-Zugang zu Daten an Fahrt. Praktischer Nutzen schafft Vertrauen und ebnet den Weg für größere Veränderungen.
- Die Einführung von KI ist in erster Linie eine Frage der Einstellung, nicht der Technik. Es ist viel wirksamer, Sorgen ernst zu nehmen, Unsicherheiten zu akzeptieren und die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, als Wandel zu erzwingen.
- Behandeln Sie KI als Sparringspartner, nicht als Ersatz. Nutzen Sie sie, um Ihre Arbeit zu überprüfen, Ihr Denken herauszufordern, Interviews vorzubereiten oder Ihre Ideen zu schärfen – nicht, um Ihr eigenes Urteilsvermögen zu ersetzen.
- Projektmanagement-Fähigkeiten lassen sich überraschend gut auf verschiedene Branchen übertragen. Planung, Kommunikation, Empathie, Verhandlung und Storytelling bleiben unabhängig davon zentral, ob Sie Software oder Gebäude liefern.
- Übernehmen Sie die Verantwortung für Ihre KI-Weiterbildung. Die Technologie entwickelt sich schneller, als Bildungseinrichtungen darauf reagieren können. Die Entwicklung von KI-Kompetenz ist zunehmend eine persönliche Verantwortung und ein Wettbewerbsvorteil.
- Die Geschichte zeigt, dass Ängste vor technischen Umbrüchen nichts Neues sind. Jede große technische Veränderung löste Unsicherheit aus. Auch wenn der Wandel real ist, sind diejenigen, die neugierig bleiben und sich anpassen, am besten aufgestellt, zu profitieren.
- Die Zukunft gehört Urteilskraft und Kreativität. Während KI Routineaufgaben übernimmt, schaffen Projektmanager den größten Mehrwert durch klügere Entscheidungen, bessere Fragen und fantasievollere Problemlösung.
Kapitelübersicht
- 00:00 – KI im Bauwesen
- 02:30 – Der Datenwandel
- 08:11 – KI-Kompetenz
- 11:12 – KI in der Praxis
- 15:54 – Menschen überzeugen
- 19:42 – Der Wert von Urteilsvermögen
- 24:24 – Meinungen verändern
- 29:22 – Berufswechsel
- 33:24 – Lektionen aus der Geschichte
- 37:16 – Die Zukunft des PM
- 39:53 – Was man nicht automatisieren sollte
Unser Gast

James Garner ist Head of Data & AI bei Gleeds und Gründer von Project Flux, wo er Organisationen dabei unterstützt, Daten, Künstliche Intelligenz und digitale Innovation zu nutzen, um Projekte erfolgreicher umzusetzen. Mit umfassender Erfahrung in der gebauten Umwelt und im Management großer Kapitalprojekte gilt James als Vordenker, wenn es darum geht, neue Technologien zur Verbesserung von Entscheidungsfindung, Produktivität und Projektergebnissen einzusetzen. Durch seine Führung, Vorträge und Beratungen steht er für praxisorientierte, menschenzentrierte Ansätze der digitalen Transformation, mit denen Unternehmen mehr Wert aus ihren Daten- und Technologieinvestitionen schöpfen können.
Ressourcen aus dieser Folge:
- Tritt der Digital Project Manager Community bei
- Abonniere den Newsletter, um unsere neuesten Artikel und Podcasts zu erhalten
- Vernetze dich mit James auf LinkedIn
- Besuche Gleeds und Project Flux
Verwandte Artikel und Podcasts:
Galen Low: Projektmanagement in der Bauindustrie gilt oft als altmodisch, aber wenn es um Daten und KI geht, ist sie vielleicht schon weiter als andere Branchen. Falls du jetzt denkst: „Das ist doch Unsinn!“, bleib dran – denn aktuell gibt es eine enorme Nachfrage nach digital versierten Projektmanager:innen in der Bauindustrie, und mein Gast ist überzeugt, dass du mit ein paar Anpassungen bestens geeignet wärst.
Doch selbst wenn du nicht vorhast, jemals einen Bauhelm aufzusetzen, um dein Projekt umzusetzen, bleib dran und hör rein. Wir nehmen die Bauindustrie als Ausgangspunkt, um darüber zu sprechen, wie man Menschen mit festgefahrenen Einstellungen zu KI und beruflichen Veränderungen gewinnen kann – egal ob sie 30 Jahre Berufserfahrung mitbringen oder frisch von der Hochschule kommen.
Viel Spaß mit der Folge!
Willkommen beim Digital Project Manager Podcast – der Show, die Führungskräften im Projektgeschäft hilft, smarter zu arbeiten, Projekte reibungsloser zu liefern und ihr Team mit Selbstvertrauen ins KI-Zeitalter zu führen. Ich bin Galen, und jede Woche tauchen wir ein in praxisnahe Strategien, neue Trends, bewährte Methoden und die eine oder andere Anekdote von der Projektfront. Ob du große Transformationsprojekte leitest, KI-Arbeitsabläufe managst oder einfach nur versuchst, das Chaos zu bändigen – du bist hier richtig. Los geht’s.
Heute verlassen wir mal den klassischen digitalen Fokus und schauen uns an, wie KI und Daten eine der ältesten und wohl auch komplexesten Branchen der Welt verändern: die Bauindustrie. Wir sprechen darüber, was in puncto digitale Innovation gerade gut oder auch schief läuft, und nutzen das als Anknüpfungspunkt, um zu diskutieren, wie Führungskräfte tief verwurzelte Denkweisen verändern können, wo Jobs im Projektmanagement weggefallen und neue entstanden sind und ob Digital-Projektprofis die nötigen Fähigkeiten haben, um von der Tech-Branche in den Bau zu wechseln.
Mein heutiger Gast ist James Garner, Head of AI and Data bei Gleeds und Gründer von Project Flux – einem Newsletter, Podcast und einer Online-Community, die aufzeigt, wie KI Projekte verändert. James ist ein ausgebildeter Quantity Surveyor mit fundierter Erfahrung im Bereich Commercial Management, Datenstrategie und KI-Transformation im Bauwesen.
Seit mehr als 25 Jahren ist er beim sozial engagierten Bau-Beratungsunternehmen Gleeds tätig, startete als Surveyor und ist heute für globale Marktanalysen und Thought Leadership rund um Gleeds' datengetriebene Transformation verantwortlich. Er brennt für das Thema Daten in der Bauindustrie und nutzt seine Community Project Flux, um Diskussionen zu führen, wie die Bauwirtschaft KI und Daten nicht nur zur Effizienzsteigerung, sondern zur grundlegenden Neugestaltung der Projektabwicklung, Prognosen, Steuerung und Leitung einsetzen kann.
James, schön, dass du heute dabei bist.
James Garner: Vielen Dank! Wow, was für eine Einführung. Danke, Galen. Schön, dich kennenzulernen.
Galen Low: Ebenso. Die Vorbereitung hat mir richtig Spaß gemacht. Ich liebe es, mich so richtig reinzunerden. Ich bin echt gespannt auf dieses Gespräch, denn das Thema fasziniert mich persönlich sehr. Viele meiner Hörer:innen ahnen wahrscheinlich gar nicht, wie digital die Bauindustrie mittlerweile geworden ist und wie viele Gemeinsamkeiten Projektleiter:innen aus der Software- und der Baubranche inzwischen teilen, wenn es um Herausforderungen rund um Daten, Automatisierung und KI-Einführung geht.
Oft gilt die Baubranche für uns Digital-Menschen als träge, linear und technisch hinterher. Aber angesichts der Investitionen und des Wachstums – und angesichts der Jobs, die in Bereichen wie Projektmanagement, Daten und KI entstehen: Ist die Baubranche womöglich bald technologisch fortschrittlicher als manche digitale Branche?
James Garner: Gute Frage. Es ist ein gemischtes Bild: In manchen Bereichen geht es viel schneller voran als viele denken, in anderen ist es immer noch erschreckend langsam. Aber wie du angesprochen hast, Galen – egal ob du ein digitaler oder ein Bau-Projektmanager bist: Letztlich versuchen wir alle, Probleme zu lösen oder ein Projekt erfolgreich umzusetzen.
Die Fähigkeiten sind also in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich. Der einzige Unterschied: Beim Bau wird man am Ende dreckig – mit Matsch und Baggern und so weiter. Aber die Planungsarbeit vorher ist wirklich vergleichbar.
Die Herausforderung im Bauwesen ist, dass die Branche historisch gewachsen ist und es eine Weile gedauert hat, bis sie erkannt hat, wie sehr Digitales, KI und andere Technologien die Projektabwicklung verändern können. Im Vergleich zum digitalen Projektmanagement ist es auch etwas schwieriger, weil alles so fragmentiert ist.
Nimm ein Bauprojekt: Da sind so viele Parteien beteiligt, das kann einen fast überfordern. Viele glauben, da ist ein Bauunternehmer, der das Ganze umsetzt. Aber unter diesem Unternehmen gibt es etliche Nachunternehmer, und unter denen wieder Zulieferer und Sub-Subunternehmen.
Dazu kommen die ganzen Consultants, Architekten, Ingenieure, Vermesser, bevor es überhaupt zum Auftraggeber geht. Bei einem typischen Projekt können es weit über 100 Parteien sein. Den meisten ist gar nicht bewusst, wie viele Leute da involviert sind.
Natürlich haben alle unterschiedliche Prozesse, Systeme und Methoden der Datenspeicherung. Das macht es sehr schwer, alles zu standardisieren – und ist ein Grund, warum die Digitalisierung so lange auf sich warten ließ. Aber in den letzten, sagen wir mal, fünf Jahren hat sich viel getan, vor allem durch Business-Intelligence-Tools.
Die Leute nutzen Power BI, Power Apps – und haben erkannt, dass ihre Daten viel wertvoller sind als gedacht. Wir sehen den Wandel von reaktiven Daten hin zu mehr Echtdaten.
Was heißt „reaktive Daten“? Früher wurde ein Projektbericht vor einem Meeting meist eine Woche im Voraus erstellt – auf Basis von Daten, die noch eine Woche älter waren. So hat man im Meeting mit mindestens zwei Wochen alten Zahlen gearbeitet. Teilweise sogar vier oder sechs Wochen veraltet.
Jetzt verschiebt sich das langsam Richtung Echtzeitdaten, weil BI-Tools wie Power BI, Tableau und Co. genutzt werden. Das hat die Leute wachgerüttelt: Wir sind nicht immun gegenüber neuer Technologie, sie bringt echten Mehrwert – bis hin zum Unternehmenserfolg. Bei KI-Technologie ist es jetzt so, dass Unternehmen aktiv versuchen, ihre Daten zu standardisieren und das Thema ernster anzugehen.
Es gibt dabei zwei Faktoren: Kulturell wächst das Bewusstsein für die Vorteile. Und durch die Vorarbeit der letzten Jahre stehen Daten zur Verfügung, aus denen sich Mehrwert ziehen lässt. Die Denkweise verändert sich.
Es gibt aber noch viele Hürden, und der Weg ist lang. Aber es bewegt sich was. In bestimmten Bereichen ist die Bauindustrie daher wirklich Schritt voraus. Insgesamt hinkt sie zwar noch hinterher, aber es wird besser – und die Menschen werden wacher, gerade durch die nächsten Generationen, die ins Berufsleben starten.
Galen Low: Ich mag den Fokus auf Daten, denn das ist ein Bereich, in dem jeder sofort den Nutzen sieht. Früher arbeitete man mit veralteten Daten, jetzt hat man (bei der ganzen Komplexität der Branche) Zugriff auf nahezu Echtzeitdaten – das ist essenziell für Investitionsentscheidungen.
Und dann denken alle: „Okay, wir sollten das vereinheitlichen und verfügbar machen. Damit läuft alles reibungsloser.“ Das ist der richtige Ansatz für jede Branche: Zeig an einem kleinen Bereich den Mehrwert der Innovation, dann zieht der Rest irgendwann nach.
Zugegeben: Die Bauindustrie ist ein Riesen-Apparat: viel Geld, viel Komplexität, viele Menschen. In der digitalen Welt sagen wir oft: „Einfach rückgängig machen, patchen, Update einspielen.“ Aber das geht bei Bauprojekten nun einmal nicht – jede Entscheidung zählt. Aber es ist großartig, dieses Umdenken zu beobachten. Du hast mir vorhin auch erzählt, dass du gerade einen Vortrag für Absolvent:innen gehalten hast.
Sind die Leute, die du triffst und die neu in den Beruf einsteigen, offen für diese Technologien – oder gibt es weiterhin tief sitzende Zweifel? Wird das an den Hochschulen überhaupt vermittelt oder stoßen sie auf Widerstand und Skepsis, wenn sie auf den Arbeitsmarkt kommen?
James Garner: Das ist spannend. Ich habe kürzlich an der De Montfort University in Großbritannien gesprochen und arbeite auch mit Unis in den USA – das ist für mich ein echtes Anliegen, weil ich finde, dass die Hochschulen die nächste Generation nicht ausreichend vorbereiten. Sie unterrichten Projektmanagement (auch im digitalen Bereich) immer noch sehr traditionell.
Die Studierenden sind deshalb häufig frustriert: Sie zahlen viel für den Kurs und wie immer hinken Bildung und Governance der Technologie hinterher. Aber weil die Technologie so rasant fortschreitet, spüren die Studierenden diesen Rückstand besonders deutlich. Viele fragen mich: „Welche Skills muss ich lernen?“
Und ich sage: „Wahrscheinlich wird euer Studium euch die relevanten Fachskills beibringen, aber nicht die richtigen KI-Kenntnisse. Aber das darf keine Ausrede sein! Übernehmt Verantwortung für eure eigene KI-Kompetenz. Zu sagen: ‚Ich lerne das nicht, weil es mir nicht beigebracht wird‘ – das schadet nur euch selbst.“
Denn niemand weiß genau, wohin es geht. Man braucht vor allem Neugier. Mach es für dich selbst – erstens, weil es spannend ist, zweitens, weil es dich von anderen abhebt. Was ich bei den Students sehe: Keine Panik, eher Verwirrung.
Sie bekommen nicht erklärt, worum es wirklich geht, denn die Dozent:innen wissen es selbst nicht – das ist nicht ihr Hintergrund. Sie möchten, dass man ihnen sagt: „Es wird schon, mach weiter in deinem Fachbereich, und lerne noch das und das.“ Sie brauchen die Sicherheit, dass es nach dem Abschluss einen Arbeitsplatz gibt.
Ich bin da ehrlich: „Es wird eine sehr disruptive Zeit geben, fünf bis zehn Jahre, wie immer bei Revolutionen – aber ihr könnt aktiv gestalten. Ihr seid Herr oder Frau eurer Entscheidungen. Es wird wie Surfen auf einer Welle: Im Lauf der nächsten fünf Jahre wird sich euer Job vermutlich stark verändern.“
Wir beide sind damals ins Berufsleben gestartet und wussten ungefähr, wie unsere Karriere aussehen wird. Für die heutige Absolventengeneration ist das viel ungewisser. Das kann man als Nachteil – oder als Chance begreifen: In Phasen gewaltiger Veränderungen in den Beruf einzusteigen, macht dich besonders.
Galen Low: Ja, das ist ein ganz anderes Spielfeld und erfordert eine Offenheit für das Unbekannte, aber ich kann dir da nur zustimmen. Damals landete ich im Projektmanagement, es gab ein paar klare Wege – große Unsicherheiten gab es keine.
Ich will noch mal auf etwas zurückkommen, das du gesagt hast: „Weil es unglaublich cool ist.“ Das gefällt mir, denn das ist manchmal aus dem Blick geraten. Oft heißt es: „Wir wissen nicht, was kommt. Es läuft alles aus dem Ruder, was wird aus uns?“ Kannst du Beispiele nennen, was an KI und Daten im Bauwesen wirklich cool ist? Echtdaten-Reporting haben wir erwähnt, aber da gibt es sicher noch mehr – von Datenmanagement bis Robotik.
James Garner: Absolut. Die Bauindustrie klingt für viele nach matschigen Baggern und Unfällen auf der Baustelle. Aber sie betrifft uns alle: die Gebäude, in denen wir leben, lernen, einkaufen, Kraftwerke, Straßen – all das liefert die Branche. Zählt man Infrastruktur und Energie dazu, macht der Bau weltweit etwa 15 % des BIP aus – das prägt unser Leben fundamental.
Das sind alles Dinge, auf die wir angewiesen sind. Wenn eine Technologie kommt, die das verbessert, begeistert mich das zutiefst. KI kann Engpässe lösen, die bisher Projekte unbezahlbar oder undurchführbar gemacht haben – so können wir als Gesellschaft endlich Dinge umsetzen, die nötig sind.
Und dann gibt es jetzt humanoide Roboter: Ein britischer Baukonzern hat gerade den ersten Roboter vorgestellt, der eigenständig über die Baustelle läuft. Normalerweise müssen Projektleiter:innen Baustellen kontrollieren – darin sind sie ausgebildet, um Probleme, Gefahren oder Verzögerungen zu erkennen. Doch das Problem ist: Wir Menschen haben nur zwei Augen.
Jetzt kommen die humanoiden Roboter mit 360°-Kameras und Computer Vision – ähnlich wie autonome Autos von Tesla das Gelände erfassen. Das gibt Projektmanager:innen praktisch einen ganzen Schwarm „KI-Kollegen“ für die lückenlose Echtzeitüberwachung. So muss niemand mehr Angst haben, etwas zu übersehen, weil unser Blick begrenzt ist – und das ist nicht Science-Fiction, das passiert aktuell.
Außerdem ist das Bauwesen gefährlich, Menschen kommen in riskante Situationen, weil es immer so war. Früher (vor Maschinen und Baggern) mussten Menschen alles selbst machen, dann kamen Bagger als Schutz vor Unfällen. Der nächste Schritt: Humanoide Roboter, die so geschicklich werden, dass sie für Menschen in gefährliche Bereiche gehen können. Menschen überwachen zwar weiterhin die Roboter und validieren die Ergebnisse, aber das ist ein riesiger Fortschritt fürs Thema Arbeitssicherheit – schließlich haftet dem Bau der Ruf an, gefährlich zu sein. Je weniger Menschen bei Unfällen zu Schaden kommen, desto besser.
Aber es geht noch weiter – schon die Planung: Viele Fehler entstehen in der Bauwirtschaft gleich zu Anfang, weil „nach Bauchgefühl“ entschieden wird – ohne genaue Kenntnisse zu Kosten, Zeitplan, Risiken. Durch datenbasierte Planung und KI werden Projekte künftig von Anfang an sauber aufgestellt.
Am anderen Ende sind Gebäude heute immer smarter – mit jeder Menge Sensoren für Monitoring und Nachhaltigkeit. Über den gesamten Lebenszyklus ist es also ein Riesenschritt. Ich denke, um 2040/2035 wird sich das Bauen grundlegend von heute unterscheiden.
Galen Low: Das ist wirklich beeindruckend, insbesondere der Ansatz Sicherheit. Ich habe im Consulting erlebt, wie KI bei der Steuerung autonomer Fahrzeuge Unfälle verhinderte oder VR-Trainings entwickelt wurden, damit niemand 20 Meter auf dem Sendemast klettern muss.
KI ist ein Motor für Sicherheit und das Wohl von Menschen. Trotzdem gibt es sicher Widerstände, oder? Gerade bei Leuten mit traditionellen Einstellungen, die Veränderungen oder gar den Verlust ihres Jobs befürchten.
James Garner: Und ob! Das ist ein alter Hut. Später werden wir noch einen meiner Artikel aufgreifen. Aber ehrlich gesagt: Die größte Herausforderung sind die Einstellungen im Kopf. Ich spreche gern von den vier KI-Mindsets nach Reid Hoffman: die „Doomers“ (sehen KI als existenzielle Gefahr), die „Gloomers“ (fürchten Jobverlust), dann die „Bloomers“ (optimistisch, aber bedacht) und die „Zoomers“ (Vollgas voraus).
Diese Gruppen findest du in jedem Unternehmen, sobald es mehr als zehn Leute sind. Wichtig ist, niemanden zu verächtlich behandeln – gerade im digitalen PM ist das menschliche Reaktion auf Wandel. Je nach Lebensphase, Risikobereitschaft und wie das Thema an dich herangetragen wird, findest du dich irgendwo in diesen Typen wieder.
Es gibt kein Altersmuster! Man meint oft, Ältere seien die „Gloomers“ und „Doomers“, aber das stimmt gar nicht: Manche der besten KI-Ideen im Bau stammen von Menschen 60+, die Lust auf Neues haben. Umgekehrt kenne ich Absolvent:innen, die KI als Bedrohung empfinden und ablehnen – selbst erlebt bei meinen Söhnen. Gerade Jüngere wünschen sich oft mehr Sicherheit – daher ziehen sie sich in Sachen KI eher zurück.
Entscheidend ist: Alle Meinungen sind ernst zu nehmen. Keiner hat die alleinige Antwort. Selbst prominente KI-Optimisten räumen ein, dass ein Restrisiko bleibt (Elon Musk etwa schätzt eine 80 % Chance, dass KI gut für die Menschheit ist – 20 % Restrisiko, das ist wie russisches Roulette). Sorgen sind also berechtigt, und man sollte zuhören, bevor man eine eigene Sicht erläutert – so findet man einen Konsens.
Galen Low: Ich sehe viele, die das falsch machen – oft sind es Leute, die versuchen, anderen KI aufzuzwingen, anstatt ihnen zuzuhören und sie mitzunehmen. Gerade die „People-People“, wie du, sind da besser. Dein Job ist – so nehme ich an – auch, Menschen davon zu überzeugen, dass KI und Daten der Branche nutzen können, oder?
James Garner: Absolut, das sehe ich als meine Mission, und ich mache das, weil mir die Branche sehr am Herzen liegt – vor allem das Thema Kontrolle. Wir haben gesehen, was passiert, wenn Branchen die Kontrolle den großen Tech-Firmen überlassen: Das ist oft nicht mehr rückholbar. Bestes Beispiel: Die Filmindustrie und Netflix – am Anfang günstig, die Konkurrenz verschwindet, und am Ende ist das Modell fest etabliert.
Im Bau ist es ähnlich: Unsere Kund:innen schätzen die Unabhängigkeit und das Urteil von Consultants, aber sehr bald werden ihnen smarte, digitale Alternativen angeboten. Und spätestens, wenn die Preise steigen oder eine professionelle Einschätzung nötig ist, ist es zu spät. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass Bau-Consultants die Kontrolle behalten. Denn es ist ein komplexes Geschäft, mit vielen Beteiligten. KI hilft enorm, aber am Ende braucht es immer menschliches Urteil. Mein Ziel ist, Projektmanager:innen für KI fit zu machen – sonst konkurrieren sie bald mit SaaS-Tools, die keine Branchenerfahrung oder Interessenvertretung bieten.
Galen Low: Mir gefällt der Gedanke, die Kompetenz in der Branche zu halten – nicht sie an einen Tech-Konzern abzugeben und dann nur noch Kunde eines Produkts zu sein. Und das Stichwort „Urteilskraft“: Die benötigen wir weiterhin, um zum Wohl unserer Projekte, der Branche und angesichts des technologischen Wandels gute Entscheidungen zu treffen und Kontrolle zu behalten.
„Kontrolle“ klingt schnell negativ, aber du meinst ja den Werkzeuggürtel …
James Garner: Genau, Kontrolle soll nicht nach Zwang klingen …
Galen Low: … sondern nach Souveränität, nach Handlungsspielraum.
James Garner: Richtig! Ich arbeite zudem mit Institutionen wie PMI (in den USA und Kanada), APM (Großbritannien) und RICS (mein Bereich als Vermesser) zusammen – letztere gibt es seit dem 19. Jahrhundert. Diese Institutionen entstanden als Reaktion auf die Industrielle Revolution, um Expertenwissen und Standards in den jeweiligen Berufen (z.B. Recht, Buchhaltung, Vermessung) zu sichern.
Jetzt, im Zeitalter der Intelligenz, haben sie weiterhin eine wichtige Rolle – nicht mehr als Wissenshüter (das ist per Smartphone für alle zugänglich), sondern als Hüter für echtes Expertenurteil und für Erklärbarkeit. Leute kaufen nicht mehr Wissen, sondern Urteilskraft – und das ist der neue Wert.
Galen Low: Interessant! Institutionen werden oft als rückständig dargestellt, aber ihr eigentlicher Zweck ist es, Branchen durch Wandel zu begleiten.
James Garner: Ganz genau.
Galen Low: Manche machen das besser als andere …
James Garner: ... aber das ist einer der Gründe, weshalb ich mich bei RICS engagiere, um darüber die Mitglieder zu erreichen. Bei PMI und APM arbeiten ebenfalls tolle Leute daran – es gibt wirklich viele, denen die Zukunft am Herzen liegt.
Galen Low: Sehr gut! Hast du vielleicht eine Story, in der du es geschafft hast, einen jüngeren „Gloomer“ oder „Doomer“ von den Vorteilen von KI zu überzeugen oder wenigstens zum Zuhören zu bewegen?
James Garner: Ja, das kam oft vor – in allen Altersstufen. Besonders erinnere ich mich an einen älteren Kollegen, der sich klar als „Gloomer“ sah und AI komplett ablehnte. Ihm gebührt aber Respekt, denn als der Knoten platzte, hat er mich kontaktiert und gesagt: „James, du hattest recht. Kannst du mir helfen?“ Aus dem größten Kritiker wurde ein glühender Befürworter, der in seiner Firma ein echter KI-Champion wurde – das fällt dann auch anderen auf: Wandel kann ansteckend wirken.
Bei Jüngeren ist es schwieriger – bestes Beispiel: meine Söhne. Der Umgang damit an der Schule/universität ist häufig negativ: „Verschweigt, dass ihr KI nutzt.“ Einer hatte Schwierigkeiten, KI in einer Hausaufgabe einzusetzen. Ich habe ihm erklärt, dass es nicht darum geht, die Aufgabe von der KI machen zu lassen, sondern sie als „kritischen Begleiter“ einzusetzen, um das eigene Ergebnis zu prüfen. Das hat bei ihm einen Schalter umgelegt.
Ein anderes Beispiel: Jemand nutzt KI für die Erstellung eines Lebenslaufs und fühlt sich dabei unwohl. Ich erkläre: Authentisch schreiben, dann mit KI als Review-Partner prüfen – und wenn man weiß, wer einen interviewen wird, KI mit den Personas füttern und Probeinterviews generieren lassen. Das war für die Person ein riesiger Durchbruch – alle KI-Fragen kamen tatsächlich im echten Gespräch dran, und sie hat den Job bekommen. Das zeigt: KI ist nicht dazu da, Arbeit als die eigene auszugeben, sondern als Sparringspartner für die eigene Entwicklung. Das lässt sich auf viele Bereiche übertragen.
Galen Low: Das bringt uns zurück zum Thema „Urteilskraft“, und darum geht es am Ende: Technik und Daten ermöglichen es, weiterhin als Mensch zu beurteilen, kritisch zu sein, kreativ zu bleiben, also unserer Persönlichkeit treu zu bleiben. Das ist für viele, die KI skeptisch sehen, der größte Widerstandspunkt: Sie fürchten, im Beruf keinen Sinn mehr zu haben. Aber mit deinem Ansatz werden unsere Stärken nicht ersetzt, sondern erweitert – gerade da, wo es die Gesellschaft voranbringt.
James Garner: Absolut richtig!
Galen Low: Lass uns über Jobs sprechen – bei uns im Community-Bereich erleben wir gerade Entlassungen im digitalen Projektmanagement oder dass Leute deutlich mehr Verantwortung übernehmen müssen. Gleichzeitig werden im Bau-Projektmanagement weiterhin Fachkräfte gesucht. Was müsste jemand aus der digitalen Projektarbeit mitbringen, um in die Bauindustrie zu wechseln?
James Garner: Du hast recht: Es gibt seit jeher einen Mangel an Fachkräften im Bau – das liegt auch am Image der Branche und betrifft beide Seiten des Atlantiks. Die Skills im Projektmanagement (digital oder Bau) überschneiden sich aber enorm: Planen, soziale Kompetenzen, Verhandeln, Storytelling – alles wichtige Grundlagen. Ich würde schätzen, ca. 80 % überlappen, die restlichen 20 % würden sich aus branchenspezifischem Fachwissen zusammensetzen – das kann man sich aber aneignen, z.B. mit einem Aufbaukurs im Bereich Bau-Projektmanagement. Entscheidend sind die Grundfähigkeiten: Zuverlässigkeit, Empathie, Integrität – wer das mitbringt, ist sehr willkommen. Gebäude werden immer gebraucht, das ist sicher.
Galen Low: Was wäre ein realer Einstieg und wie kann man trotz Unsicherheit im Vorstellungsgespräch souverän auftreten, wenn das Bau-Projektgeschäft noch fremd ist?
James Garner: Ehrlichkeit ist das Wichtigste: Zeige offen, wo deine Stärken liegen und wo noch Lücken sind. Viele Bau-Projektmanager:innen starten übrigens gar nicht mit einem Studienabschluss im Bau-Projektmanagement, sondern kommen aus Geographie, Wirtschaft oder anderen Bereichen – absolvieren dann einen berufsbegleitenden Aufbaumasters. Offenheit und Lernbereitschaft sind gern gesehen – und durch den Fachkräftemangel zählen die Soft Skills mindestens genauso viel wie die Fachkompetenz.
Galen Low: Zum Thema Jobverlust: Du hast kürzlich für Project Flux beschrieben: „Wir waren schon mal hier: 2.400 Jahre Technologiepanik“. Kannst du etwas über den Hintergrund dieses Artikels und Erkenntnisse aus historischen Technologiereaktionen sagen?
James Garner: Inspiriert hat mich ein Musiker, der auf meinem Podcast war und die Geschichte von Sokrates/Pla- to und deren Sorge über das Schriftwesen erzählte. Der Satz: „Diese Erfindung wird Vergesslichkeit bewirken“ stammt tatsächlich von Sokrates, der Schrift für bedenklich hielt. Beim Recherchieren fand ich viele ähnliche Zitate aus der Industrialisierung – und ließ sie von KI in moderne LinkedIn-Posts umwandeln. Ein anderes Beispiel: Thomas Carlyle über die Angst, dass Fachkräfte Maschinen weichen müssen – ein Thema von 1829! Das zeigt, wie menschlich unsere Sorgen sind. Immer gibt es Disruptionen, aber bisher ging es am Ende immer weiter (wenn auch mit Turbulenzen). Ich teile den Link zum Artikel gern noch in den Shownotes. Mir selbst hat die Recherche geholfen, gelassener zu bleiben – was wir erleben, ist nichts Ungewöhnliches.
Galen Low: Das tröstet tatsächlich! Manche Ängste bewahrheiten sich, aber im Rückblick geht es weiter. Natürlich gibt es Branchen, die durch Streaming oder Digitalisierung stark verändert wurden – aber es gibt auch immer neue Perspektiven, auf die wir uns jetzt noch keinen Reim machen können.
James Garner: Ganz genau. Wir stehen vor fünf bis zehn Jahren großer Veränderungen und finden dann ein neues Gleichgewicht. Entscheidend ist, wie du damit umgehst: Nutze die Chance, lerne die Technik freiwillig und betrachte Wandel als Gelegenheit!
Galen Low: Das ist ein schönes Schlusswort. Lass uns den Ausblick noch optimistisch gestalten: Was siehst du am Horizont, das zwar technisch und futuristisch wirkt, aber positiven Wandel für Projektmanager:innen und Bauexpert:innen bringen könnte?
James Garner: Es gibt so vieles! Etwa KI-gesteuerte Agenten – die große Wende kommt mit physischer KI, also der „Verkörperung“ von Bots und Robotik im Alltag. In Kombination mit Quantencomputing werden wir mit enormen Ressourcen arbeiten. Denkbar ist eine Zukunft, in der „Routinejobs“ von Agenten und Robotern erledigt werden und wir mehr Zeit für Kreativität, Unternehmertum und innovative Lösungen haben. Wir erleben aktuell die ersten echten KI-Innovationen, wie etwa, dass OpenAI uralte mathematische Rätsel löst. Bauen und Managen werden sich dadurch radikal ändern – von Excellisten zu smarten, selbstüberwachenden Objekten. Am Bau werden Roboter gefährliche Aufgaben übernehmen. Vielleicht entdecken wir sogar neue Baustoffe, gehen unter die Erde oder in den Weltraum. Die Zukunft gehört der Kreativität der Projektleiter:innen!
Galen Low: Das ist ein großartiges Bild.
James Garner: Ich bin da wirklich optimistisch!
Galen Low: Damit können wir die Folge wunderbar abschließen. Hast du noch eine Frage an mich?
James Garner: Oh, da hätte ich einige. Eine Sache interessiert mich: Wir beide machen Podcasts – du bist schon länger dabei, ich bin bei Folge 110. Podcasts bleiben menschlich, egal wie sich Technik entwickelt. Gibt es etwas, das du nie automatisieren würdest?
Galen Low: Gute Frage. Eine Sache, die ich niemals automatisieren würde, sind die Fragen selbst, also die kreative Ausgestaltung des Gesprächs. Klar, KI kann das auch, aber das ist für mich das Spannendste am Prozess – den Gast kennenlernen, einen ungewöhnlichen Ansatz zu finden. Das ist mein kreativer Ausgleich. Und manchmal nutze ich KI als Sparringspartner, aber die eigentliche Ideenfindung bleibt meine Domäne – das ist, was mir beim Podcasten am meisten Freude macht.
James Garner: Da stimme ich dir zu, dieser Teil macht am meisten Spaß – zu überlegen, wohin das Gespräch mit dem Gast führen könnte. Vielen Dank für deine Antwort.
Galen Low: Danke dir, dass du im Podcast zu Gast warst, deine Gedanken geteilt hast und dir die Zeit genommen hast. Es war großartig! Ich verlinke natürlich alles in den Shownotes – aber für alle, die mehr über dich und Project Flux wissen möchten: Wo finden sie dich?
James Garner: Am besten auf projectflux.ai – da gibt es einen kostenlosen Newsletter und Podcast. Ich freue mich, wenn ich dich auch mal bei uns begrüßen darf, Galen. Außerdem bin ich sehr aktiv auf LinkedIn – schreibt mir gern, ich antworte so oft es geht.
Galen Low: Ich mag sehr, was du auf LinkedIn machst. Ich packe alles in die Shownotes – vielen Dank nochmal!
James Garner: Danke, Galen, ich habe es sehr genossen.
Galen Low: Und das war es für diese Folge vom Digital Project Manager Podcast. Wenn dir das Gespräch gefallen hat, abonniere uns gerne überall, wo du Podcasts hörst. Für noch mehr praxisnahe Einblicke, Case Studies und Playbooks erstelle kostenlos einen Account auf thedigitalprojectmanager.com.
Bis zum nächsten Mal, danke fürs Zuhören.
